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Julian Klein erprobt in den ­Sophiensaelen „Infame Perspektiven“

Sophiensaele_infame-perspektive_bild_don-kommunikationJulian Klein geht es mit seinem „Institut für künstlerische Forschung“ nicht darum, diesen illustren Personenkreis um ein mehr oder weniger originelles Exemplar zu erweitern. Vielmehr erkundet der Regisseur in einem mit Wissenschaftlern und Theaterleuten entwickelten Projekt, inwieweit wir uns als Zuschauer in solche Täter hineinversetzen können. Und zwar so konkret wie möglich: Klein bittet jeweils zwei Menschen zu einer klassischen Verhörsituation in eine „White Box“. Dort sollen sie die im Strafprozess geäußerten Sätze eines Elternpaares nachsprechen, das 1999 in einem Hotelzimmer im belgischen Aalst seine beiden Kinder tötete – mit dem absurden Argument, „nur das Beste für sie“ zu wollen.

„Wenn man das nur hört oder in der Zeitung liest“, glaubt Julian Klein, „distanziert man sich natürlich sofort davon.“ Versetze man sich aber „mit seinem Körper und seiner Stimme selbst performativ in diese Position“, so der Kerngedanke des Experiments, sei es schlechterdings unmöglich, das Geschehen bequem auf Abstand zu halten. In einem anschließenden Gespräch mit dem „Versuchsleiter“ ­– einem Künstler oder einer Wissenschaftlerin aus dem Team – wird die Einfühlungserfahrung ausgewertet.

Von Interesse: Interview mit dem japanischen Regisseur Toshiki Okada über sein Stück „Ground and Floor“

Wiewohl sich das Publikum in der Kantine der Sophiensaele diesem „Selbstversuch“ (nach entsprechender Voranmeldung) eigeninitiativ unterziehen kann, hat das viertägige Mammutprojekt mit dem Titel „Infame Perspektiven“ auch eine öffentliche Vorführung mit zwei Freiwilligen im Repertoire. Parallel gibt es ein Symposium, auf dem der Dokumentarfilmregisseur Andres Veiel, die Schauspieler Bibiana Beglau und Thomas Thieme oder die „Spiegel“-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen mit Polizisten, operativen Fallanalytikern und anderen hauptberuflich mit dem kriminellen Gewerbe Beschäftigten über ihre jeweiligen Zugangsstrategien diskutieren. Eine zentrale Frage lautet etwa, inwiefern die kontrollierte theoretische „Übernahme infamer Perspektiven“ gesellschaftspolitisch fruchtbar zu machen ist – zum Beispiel für die Verbrechensprävention.

Text: Christine Wahl

Foto: don-kommunikation

„Infame Perspektiven“ Sophiensaele, 24.–27.10., genaues Programm unter www.sophiensaele.com, Anmeldung unter [email protected], Karten-Tel. 283 52 66

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