Theater

Jürgen Flimm über „Satiesfactionen“

Flimmtip: Man kennt heute von Erik Satie vor allem die Kompositionen für Klavier. Was haben Sie bei Ihrer Inszenierung in der Schiller-Theater-Werkstatt mit ihm vor?

Jürgen Flimm:?Er hat auch Stücke geschrieben. Und eines dieser kleinen, völlig albernen Stücke heißt „Le Piиge de Mйduse“, zu Deutsch: „Die Falle des Herrn Qualle“. Das zeigen wir. „Le Piиge de Mйduse“ ist ein absoluter Vorläufer des absurden Theaters. Man denkt sofort an Alfred Jarry oder an Ionesco. Dass so etwas 1913 ein Musiker schreibt, ist natürlich etwas Besonderes. Eigentlich ist Erik Satie ein früher Dadaist.

tip: Der Titel Ihres Abends ist neckisch: „Wissen Sie, wie man Töne reinigt? Satiesfactionen.“ Gute Frage: Wie reinigt man Töne?

Flimm: Das ist aus einem sehr komischen Text von Satie. Wie reinigt man Töne? Tja, darüber müssen Sie nachdenken. Sie können ja mal einen Essay darüber schreiben. Bei uns ist das ganz einfach: Die werden einfach ausgewischt, mit einem nassen Schwamm. Töne zu reinigen ist sehr schwer, schreibt Satie. Er findet, es wäre besser, wenn man Töne spinnen könnte.

tip: Ein Spinner.

Flimm: Ein totaler Spinner. Wir haben dann noch Lieder von ihm drin, das sind zum Teil richtige Schlager. Da ist er dann gar nicht mehr dadaistisch, er begründet da vielleicht eine französische Chanson-Tradition.

tip: Weshalb inszenieren Sie diese Produktion der Staatsoper nicht mit Opernsängern, sondern mit drei hochkarätigen Schauspielern?

Flimm: Klaus Schreiber, Stefan Kurt und Jan Josef Liefers. Die waren alle früher bei mir in Hamburg am Thalia Theater engagiert. Jetzt ist das ein schönes Wiedersehen für uns alle. Aber das war nicht der Grund, es nicht mit Opernsängern zu besetzen. Dieses kleine Stück von Satie, „Die Falle des Herrn Qualle“, ist so eine völlig verdrehte und absurde ­Sache, das geht nur mit Schauspielern. Und diese drei hochmusikalischen Jungs singen dann und spielen auch Instrumente. Wenn Sie etwas Tiefsinniges erwarten, muss ich Sie enttäuschen: Das ist eine Veranstaltung von größter Albernheit.

tip: Also keine bedeutende Großinszenierung eines bedeutenden Großintendanten, sondern ein spätpubertärer Scherzartikel?

Flimm: Das ist ein Scherzartikel. „Spätpubertär“ lehne ich kategorisch ab. Das ist eher nachpubertär. Was mich immer interessiert hat, ist, verschiedene Disziplinen zu verbinden, heute sagt man dazu „crossover“. Das ist aber für diesen Abend ein etwas zu großes Wort.

tip: Satie hat viele Theaterkünstler fasziniert. Christoph Marthaler hat schöne Satie-­Abende inszeniert. Woher kommt diese Satie-Faszination?

Flimm: Ich glaube, das liegt daran, dass er ein ­Anti-Opern-Künstler ist, ein Anti-Pathetiker. Das interessiert doch Theaterleute ­immer, wenn das Pathos sich auflöst, wenn das mit Albernheiten auf höchst intelligentem Niveau gebrochen wird. Satie ist ein völlig alberner Mensch mit einer großen Ernsthaftigkeit. Wenn das nicht ein schöner Widerspruch ist.

tip: Satie war einerseits ein Bohemien, ande­rerseits offenbar ein manischer, penibler ­Arbeiter, oder?

Flimm: Manisch ist das sowieso. Das kommt noch erschwerend hinzu.

tip: Sie sagten zu Beginn der Spielzeit, ein Teil Ihres Jobs sei es, dafür zu sorgen, dass es sich rumspricht, dass die Staatsoper jetzt für drei Jahre im Schiller Theater spielt. Mission erfüllt?

Flimm: Die Anstrengung ist immer noch, das Schiller Theater ins Bewusstsein zu rücken. Wir können so viel Remmidemmi machen, wie wir wollen, viele Leute wissen nur vage, dass wir hier jetzt schöne Opern zeigen. Neulich fragten mich sogar Freunde, ob ich denn an der Staatsoper schon angefangen hätte.

Interview: Peter Laudenbach

Foto: Doris Spiekermann-Klaas 

Wissen Sie, wie man Töne reinigt? Satiesfactionen Schiller-Theater-Werkstatt. 25., 29.–31.3., 1., 5.–7.4., 20 Uhr

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