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Jürgen Gosch inszeniert Tschechows Die Möwe in der Volksbühne

MoeweJetzt setzt Gosch in der „Möwe“ genau dort wieder an, wo er in „Onkel Wanja“ aufgehört hatte: Statt des lehmverschmierten Erdlochs, in dem sein kongenialer Bühnenbildner Johannes Schütz die Wanja-Gesellschaft festgesetzt hatte, leidet die Tschechowsche Bildungsaris­tokratie – Lehrer, Ärzte, mehr und weniger erfolgreiche Schriftsteller, Schauspielerinnen – diesmal auf einem schwarzen, in die ersten Zuschauerreihen hinein gebauten Plateau mit Rückwand an sich selbst. Und zwar erneut in einer Intensität, die noch die hartgesottensten Thea­tergänger völlig wehrlos ins Herz trifft, ohne dabei auch nur eine einzige Hirnzelle lahmzulegen.

Die Kreativ- und Bildungs-bran­ch­ler haben sich – wie im „Wanja“ – zu kollektivem Müßiggang auf einem Landgut zusam­mengefunden. Wenn auch dies­mal, da das Deutsche Theater saniert wird, im Asyl in der Volksbühne. Und wieder laboriert jeder so aussichtslos an seinem eigenen verpfuschten Leben, dass jegliche Aus­einandersetzung mit den Frustrationen der anderen die letzten Selbsterhaltungskräfte überstiege. Im Grunde spielen hier alle abendfüllend ihre ureigene Tragödie. Da ist zum Beispiel das Drama der alternden Schauspielerin und Mutter Arkadina: Corinna Harfouch haut einen in dieser Rolle schlichtweg um mit einer Spielart von Härte, die man vielleicht überhaupt noch nie sah auf dem Theater: Eine unsentimentale Härte gegen andere wie sich selbst, die gleichzeitig – so paradox es klingt – von einer berührenden Durchlässigkeit ist; permanent einbruchsgefährdet, alles andere als charmelos und frei von Wirkungsbewusstsein, aber komplett unkokett.

MoeweIhr Partner, der ausschließlich die Tragödien der anderen notierende Bestsellerautor Trigorin (Alexander Khuon), erträgt sein Secondhand-Dasein nicht, während die Gutsbesitzertochter Mascha, die die großartige Meike Droste mit einer derart ruppigen, handgreiflichen Intensität entwickelt, dass einem permanent der Atem stockt, das umgekehrte Problem hat: Sie liebt existenzieller, als man eigentlich aushalten kann, und leider natürlich völlig aussichtslos, Arkadinas Sohn Kons­tantin. Dieser gegen die Konventionalkunst seiner Elterngeneration revoltierende Jungautor (Jirka Zett) und seine von Trigorin für eine hübsche Erzählung verführte und anschließend emotional entsorgte Angebetete Nina (sensationell: Kathleen Morgeneyer) wiederum machen die stufenweise Desillusionierung, in die sie praktisch Szene für Szene tiefer fallen, regelrecht körperlich spürbar.

Das Grandiose bei Gosch ist, dass er diese Tragödien bis zur Schonungslosigkeit offenlegt – und dabei trotzdem über allem eine
tiefe, versöhnliche Menschlichkeit liegt. Eine Selbstverständlichkeit und Zärtlichkeit, die man – wenn das Geschehen nicht so unendlich traurig wäre – fast schon wieder als Leichtigkeit bezeichnen könnte.
Text: Christine Wahl

Fotos: Matthias Horn

Tip-Bewertung: Herausragend

Die Möwe Deutsches Theater in der Volksbühne, Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte, 21.1., 19.30 Uhr, Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets

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