Theater

„Kabale und Liebe“ in der Schaubühne

Die Liebe als Molotow-Cocktail für Gefühlsrevoluzzer – das ist doch mal ein starkes Bild. Und Schillers Schwärmer-Drama „Kabale und Liebe“ ist voll von solchen Brand-Sätzen. Die emphatische ist natürlich auch die zeit­lose Seite des Stücks, während der gesellschaftspolitische Hintergrund, der von Fürstenwillkür und Bürgeremanzipation erzählt, weit schwieriger gegenwartskompatibel zu machen ist.
Regisseur Falk Richter setzt in seiner Schaubühnen-Inszenierung entsprechend ganz aufs Gefühl, und das erscheint auf den ersten Blick vernünftig. Er will Atmosphäre, nicht Analyse. Der Elektro-Bassist Paul Lemp und ein Ensemble von Cellistinnen liefern ihm dazu den melancholischen Sound, eine Art „In the Mood for Love“-Loop, der sich durch den auf 100 Minuten verdichteten Abend zieht. Dem Sturm-und-Drang-Ton der Vorlage begegnet Richter mit dem technischen Rüstzeug des versierten Pop-Handwerkers: Mikrofone zur Liebesschwurverstärkung, eine Windmaschine für den großen Wirbel heißer Luft, eine Video­leinwand, auf der Zungenküsse flirren, oder auch, als Apocalypse-Now-Zitat, Cowboys und Hubschrauber: Ich liebe den Geruch von Liebe am Morgen! Sein Paar, Lea Draeger als Luise und Stefan Stern als Ferdinand, müht sich da im grauen Partnerlook der Dis­kurstheoretikerschule nach Kräften, sich von der Musik befeuert die heutige Selbstentfremdung aus- und die klassische Empfindung einzureden. Wobei Stern einen hübschen Anfall des unauthentischen Rock’n’Roll-Schwindels erleidet und krachend ein Cello zertrümmert. Das sind zwei, die Teil einer Herzensbewegung sein möchten. Die Elterngeneration, Steffi Kühnert und Kay Bartholomäus Schulze als besorgte Bürgerschluffis Miller, und Jörg Hartmann als intriganter Präsident von Walter, steht dem Streben der Jugend nach Freiheit, Gleichheit und Geilheit mit adäquatem Unverständnis gegenüber.
Dieser Generationen-Clash im hochtönenden Schiller-Versmaß hat seine stimmigen Momente. Und Richter spult auch die titelgebende und mit tödlicher Limo endende Kabale zügig ab, die Ferdinands Vater und sein Untergebener Wurm (Robert Beyer) einfädeln, um die Liebenden zu entzweien. Allerdings nimmt die larmoyante Pathosattitüde, die der Regisseur auf der dancefloormäßigen Bühne von Alex Harb inszeniert, der Liaison letztlich ihre bedrohliche Kraft. Gegen solche Nabelschau muss sich doch kein Hofstaat wappnen. Und das wie­derum lässt die Inszenierung seltsam unverbindlich wirken. Wenn eine Judith Rosmair als Fürsten-Mätresse im sexy Outfit hereinweht und im vervesprühenden Selbstverteidigungsmonolog tatsächlich etwas über das umstürzlerische Potenzial der Kopfkissennähe von Privatem und Politischem verrät, bleibt das eine Solonummer.

Text: Patrick Wildermann
Foto: Arno Declair

Kabale und Liebe
Schaubühne,
Kurfürstendamm 153,
31.12.2008, 1., 5., 6.1.2009, 20 Uhr

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