Theater

„Kaikou“ im Radialsystem

Kaikou_Bettina-StoessWenn die First Lady des deutschen Tanztheaters nach Pina Bausch etwas anfasst, dann drückt sie zu. So fest bis eine Geschichte rausfließt. Susanne Linke, die 67-jährige Pionierin des deutschen Tanzes, greift erneut zu ihrem Lieblingsthema: Männer! 2007, erinnert sich Susanne Linke, nahm sie einen prominenten Balletttänzer ran: Raimondo Rebeck, einst Erster Solist an der Staatsoper Unter den Linden. Raul Raimondo, der Kitschier, wollte unbedingt zu Mahlers Fünfter tanzen, besser bekannt als Filmmusik zu Thomas Manns „Tod in Venedig“. Auf die Knie! Die Ballettschläppchen aus! Rebecks von Abertausenden Trainingsstunden zerschundene Füße kamen zum Vorschein. Dann: das Tier in ihm. Der Mann auf vier Beinen, der zum Schmelz der Musik die Bestie gab. Susanne Linke war zufrieden. Dem kultivierten Mann, dem strahlend über jeden Schmerz hinwegtanzenden Partner der Dame, dem Musterbuben für weibliche Führungskräfte auf der Ballettbühne, ihm hatte sie den Mann entlockt, den Lady Linke schon einmal in Afrika zum Affen machte. In „Le coq est mort“ starb der Hahn im Korb, um als animalisches, triebgesteuertes Wesen zum Jagen getragen zu werden. Es war ein Skandal: Susanne Riefenstahl macht die Schwarzen zur Schnecke!

Linke nimmt’s gelassen, lacht, und findet in den tierischen Bezeichnungen – zur Schnecke oder zum Affen gemacht – jene uralte Bedeutung wieder, die sie das „Karma des Tiers im Menschen“ nennt. „Kaikou“ heißt ihre Premiere bei Tanz im August, ein japanischer Titel, der soviel bedeutet wie „Seelenwanderung“. Endlich darf Urs Dietrich wieder auf die Bühne, ihr 50-jähriger Lebensgefährte. Und Henry Montes, dieser Beweis, mit 45 noch fit zu sein, und Brice Desault, ein Franzose mit vietnamesischen Wurzeln, der Jüngste: ein Experte in Martial Arts, genau die Kunstform, um das Tier im Mann zu kultivieren wie eine Schlange, ein Tiger, schnell, flüssig und brutal  – anders als Balletttänzer, die in dem Alter schon „überall verletzt sind“. Und sie selbst, immerhin 67 Jahre alt? „Ich werde wie ein Wind zwischendurch über die Bühne huschen“, sagt Linke. Sie will „dieses Fressen und Gefressen werden, dieses Hetzen, Jagen, Töten choreografieren.“ Ihre Meinung über Männer? „Ist sehr hoch, denn sie haben die Frauen respektiert, die sich ihre Freiheiten erkämpft haben.“ Keine Angst vor den Kerlen? Sie lacht: „Meine bisherigen Stücke sind jedenfalls besser, als ich befürchtet habe.“

Text: Arnd Wesemann

Foto: Bettina Stoess

Kaikou Radialsystem, Fr 19.–So 21.8., 19.30 Uhr, Karten-Tel. 25 90 04 27, 24 74 98 80

Übersicht: „Tanz im August 2011“

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