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„Kaleidoskopville“ im Haus der ­Berliner Festspiele

Raus aus der Basisförderung. Rein ins Festspielhaus. Als im Frühjahr dem Solistenensemble Kaleidoskop die Senatsförderung gestrichen wurde, war das ein absurder Fall von Erfolgsbestrafung: Das Ensemble kooperiert mit internationalen Festivals; also sollen diese bitte schön auch für die Finanzierung sorgen. Die Einladung der Berliner Festspiele, im Haus der Festspiele regelmäßig Produktionen zu zeigen, lag damals bereits vor. Kaleidoskop wurde in dem Augenblick, in dem man es in Berlin endlich auf den Präsentierteller hebt, strukturell im Stich gelassen. An der Seite von Sasha Waltz wurde das Ensemble bekannt – mit der Produktion „Mйtamorphoses“ zur Einweihung des Neuen Museums. Gelobt wurde es schon früher für seine grenzgängerischen, oft auch die Grenze zum Absurden überschreitenden Experimente. In „The Sensitive Style“ konfrontierte man im Januar die Musik von Carl Philipp Emanuel Bach sehr witzig mit Boxlegende Mike Tyson. Getreu nach dessen Motto: „Jeder Mensch macht Pläne – bis er eins auf die Nuss bekommt.“
Im neuesten, bislang größten, ja kamikazehaft ausgreifenden Projekt „Kaleidoskopville“ hat man gar eine „musikalische Utopie“ im Sinn. Also ein musiksoziales Lebens- und Bühnenprojekt ohne feste Form, das an jedem der drei Abende im Haus der Festspiele anders verlaufen soll. „Wir wollen uns selbst hinterfragen“, sagt Ensemble-Kopf Michael Rauter mit heller, leiser Stimme. „Und zu unserer Kernfrage zurück: ‚Was machen wir da eigentlich??“ Dafür werden die 15 Streicher des Ensembles dramatisch agieren. „Das Ergebnis interessiert uns nicht„, so Rauter selbstbewusst, „sondern der Prozess, in dem es realisierbar wird.“ Das stellt die Existenzfrage der Musiker auf wahrhaft große, pathetische Weise: Musiktheater als soziale Plastik. Das Risiko, ausgerechnet auf der bislang größten Bühne das draufgängerischste Experiment zu wagen, ist entweder mit Wagemut und Todes­trieb zu erklären. Oder mit Genie.
Alle Mitglieder des Ensembles entschieden sich nach dem Studium bewusst gegen ein Musikbeamtenleben als Orchestermusiker. „Viele Musiker, die ich beobachtet habe“, so Rauter, „studieren, treten eine Stelle an – und dann war’s das.“ Dann könne man auch gleich bei einer Versicherung arbeiten, meint er. Und das wollte keiner von ihnen.
Mit „Kaleidoskopville“, das sich an Richard Brautigans Roman „In Watermelon ­Sugar“ anlehnt und an Lars von Triers „Dogville“ erinnert, hält das Ensemble seinen eigenen „Wendepunkt“ für gekommen. Wir hoffen, zum Guten.

Text: Kai Luehrs-Kaiser

Foto: Sonja Mueller

Kaleidoskopville im Haus der Berliner Festspiele, Do 23.10., Sa 25.10., 20 Uhr, So 26.10., 18 Uhr, Karten-Tel. 25 48 91 00

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