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„Kalter Entzug“ von Peter Laudenbach

Ich glaube, ich habe Entzugserscheinungen. Ich kann nicht gut schlafen. Die innere Leere wird nur von kleinen Panikattacken unterbrochen. Beim Aufwachen brauche ich einige Zeit, um zu realisieren, wo ich bin: schon wieder in der eigenen Wohnung. Seltsam. Ich habe sogar wieder ein Privatleben. Das ist  schön. Aber ungewohnt. Ich gehe auch nur noch etwa zweimal die Woche ins Theater. Wie es aussieht, wird das Theater langsam von einer Sucht (bei der es, wie bei jeder Sucht, jede Menge schlechten, gestreckten, giftigen oder völlig unwirksamen Stoff auf dem Markt gibt) zum sozial kompatiblen Kulturinteresse. Das ist etwas langweilig, dieses normale Leben. Gerade hatte ich mich in der Theater-Manie meines Paralleluniversum eingerichtet, in dem die Tage vor allem dem Zweck dienten, irgendwie von Berlin nach München oder von München nach Zürich oder von Leipzig nach Stuttgart und dann nach Wien zu kommen, um, genau: abends wieder Theater zu sehen. Dieser Lebenswandel ist das Beste, was einem passieren kann, zumindest, wenn man ein Soziopath ist. Auf einmal ist der schöne Irrsinn vorbei. Was mache ich denn jetzt mit der ganzen Zeit? Anfang Februar hörte so einiges auf, aber vor allem endete ein schönes Abenteuer: Mein Job in der Theatertreffen-Jury war nach drei Jahren vorbei. Erstaunlich, dass es außerhalb der Zuschauerräume menschliches Leben gibt. Wenn Sie irgendwann in Theaterfoyers bürgerlich gekleidete, aber etwas befremdliche Gestalten sehen, die wirken wie die Untoten aus „Walking Dead“ –  das sind wir, die professionellen Theaterkritiker, die mal in der Jury waren.

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