Theater

„Kaminski on Air: Es kam von oben“ im DT

kaminskiEtwas ist faul in Sandberg Zitty. Ein Meteorit hat mitten in das verschlafene Nest der Bravbürger einen Krater gerissen, aus dem es extraterrestrisch zu flittern beginnt. Aber der einzige, dem das spanisch vorkommt, ist der Hobby-Journalist und freie Astronom Rick Hudson, und den erklären alle für verrückt. Soweit der erste Plotpoint der Science-Fiction-Saga „Es kam von oben“, die Stefan Kaminski im Untertitel nicht ohne Ironie ein „gesellschaftskritisches Schwarz-Weiß-Hörspiel“ nennt. Es ist die jüngste Ausgeburt seines Erfolgsformats „Kaminski on Air“, das seit 2004 am Deutschen Theater läuft und das er als „dreidimensionales Live-Hörspiel“ bezeichnet.

Mit geschlossenen Augen funktioniert’s als Audio-Kopfkino, zum Theater wird es, weil Kaminski sich als Ein-Mann-Ensemble in sämtliche Rollen des jeweiligen Stücks wirft, und schließlich erlebt man hautnah den Entstehungsprozess des Ganzen mit – wie Kaminski mit allerlei Klangwerkzeugen, Requisiten und zwei Musikern seine Geschichten baut. „Ich mag es nicht, wenn alles von der Konserve kommt“, sagt er, „ich möchte das Handgemachte, den Schweiß und diese Band-Chemie auf der Bühne zeigen“. Kaminski nennt „Es kam von oben“ eine Persiflage auf die Katastrophensujets der 50er- und 60er-Jahre. Auf Ed-Wood-Filme und Casablanca, Blockbuster und Ufologen, und nicht zuletzt auf die alten Krimi-Hörspiele, „wo die Türen knarren, man die Zigarette hört und am laufenden Band getrunken wird.“

Zugleich sei die Story aber auch eine Hommage an die großen Emotionen der Science-Fiction-Filme: Angst vor der Atombombe, Angst vor dem Fremden. So wie wir uns heute ja auch wieder vor Überfremdung fürchten. „Das bringe ich durchaus ernsthaft ein, nur eben im knisternden, zerknitterten Soundgewand von damals.“ Jack Arnold trifft Thilo Sarrazin. Es wird, wie so oft bei Kaminski, Trash mit Tiefgang. Erfunden hat er die „On Air“-Reihe im „Deutschen Eck“ des DT, einer Holzbox mit Geweih im Rangfoyer, wo in der Spielzeit 2003/2004 die Beschäftigten des Hauses zu Solo-Auftritten eingeladen waren. Dimiter Gotscheff sprach einen Heiner-Müller-Monolog, Stefan Kaminski nahm sich „Im Bann des Psycho-Pudels“ vor, ein WDR-Hörspiel über einen Neuköllner Privatschnüffler. Kaminski, bis 2007 fest im Ensemble des DT, hatte vor der Schauspielerei bereits eine Hörfunkkarriere. Und schon als 15-Jähriger kaufte er sich den ersten Kassettenrekorder mit Mikro und erprobte sein höchst variables Vokaltalent – „Stimmenmorphing“ nennt er den auf die Bühne verlängerten Jugendzimmer-Spieltrieb heute.

Jedenfalls kam die Pudel-Perfomance glänzend an und das Format wurde zur Institution, mit Stoffen wie „King Kong“, oder „Liebesgrüße aus dem Engadin“ und wachsender Fangemeinde. Zuletzt hat Kaminski in den Kammerspielen den gesamten Ring der Nibelungen gestemmt – ein Gesamtkunstwerk aus Wagner-Ernst und -Anarchie, als Gastspiel eingeladen an renommierte Opernhäuser. Vor diesem Hintergrund ist „Es kam von oben“ ein Schritt zurück zu den Wurzeln, aber kein Rückschritt: „Was vom Ring an Poesie rüberwächst“, so Kaminski, „verbinde ich mit dem Trash der frühen Tage.“

Text: Patrick Wildermann

Foto: Alexj Sauer

Kaminski on Air: Es kam von oben Kammerspiele DT, So 7.11., 20 Uhr (Premiere), Do 11.11., 20 Uhr

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