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Karsten Wiegand inszeniert „Faust“ an der Staatsoper

Karsten Wiegandtip Die Probleme Fausts klingen heute auf den ersten Blick etwas überholt. Damit der alte Herr seine Jugend zurückbekommt, braucht es keinen Pakt mit dem Teufel mehr, sondern nur noch einen guten Schönheitschirurgen, oder?
Karsten Wiegand Für mich will Faust maximalen Genuss des Augenblicks, also Rausch und Begierde. Er will die Zeit und das Älterwerden einfach vergessen und sich damit das ultimative Ziel der Konsumgesellschaft erfüllen: ein ewiges Paradies, in dem man sich alle Wünsche erfüllen und durch den Konsum immer wieder neu erfinden kann. Denn das ist doch das große Versprechen, das heute hinter jedem Werbeplakat steckt: Kauf diese Ja­cke, und du wirst ein neuer Mensch! Sexy, geachtet und von allen geliebt. Und deine alte Identität interessiert keinen mehr.

tip Will Faust den Traum vom großen Lottogewinn leben?
Wiegand Natürlich ist dieser Traum immer eine Illusion, aber jeder fällt nun mal auf diese teuflischen Versprechungen rein. In der Oper von Gounod wird das noch deutlicher als bei Goethe, wo Faust ein einzelgängerischer Gelehrter ist. Bei Gounod dagegen ist er ein ganz normaler Typ. Er muss für uns nicht mal alt sein, schließlich ist die Rolle auch für einen lyrischen Tenor, also eine jung klingende Stimme, geschrieben. Wir haben uns Faust eher wie Kevin Spacey in „American Beauty“ vorgestellt: Das ist einfach jemand, der in seinem Leben immer brav Fähigkeiten und Besitz addiert hat – der personifizierte Wachstumsgedanke. Aber irgendwann stellt er plötzlich die Frage nach dem Sinn des Ganzen und erlebt so­zusagen seinen persönlichen Bör­­­senkrach. Nur dass er dann nicht zur Einsicht kommt, sondern einfach alle Rück­sichten fahren lässt und bloß noch seinen Ego-Trip fährt.

Faust_Probenfototip Will Faust vielleicht einfach nur Sex, Drugs and Rock’n’Roll?
Wiegand Tatsächlich sind die Wünsche, die Faust hat, relativ normal. In dem Moment, wo Mephisto sie ihm erfüllt hat, sind sie sogar ziemlich schäbig. Wie immer, wenn Fan­tasien endlich erfüllt werden, enttäuscht das Ergebnis. Die Kirmes, auf der Faust Margarethe kennenlernen will, haben wir deshalb mit einer Spielhalle verknüpft: ein Lebensglücksspielort, wo man immer eine Münze nachwerfen muss, wenn man nicht will, dass das Licht ausgeht. Das passt übrigens gut zur Logik der Finanzkrise: Das Sys­tem suggeriert, dass man den Apparat immer weiter füttern muss, um die Sache in Gang zu halten.

tip Hey, das ist ja richtig handfes­te Kapitalismuskritik!
Wiegand Genau das ist für mich der Reiz der Geschichte. Gounod schrieb seine Oper, als Paris unter Napoleon III. gerade einen riesigen Konsumrausch erlebte und die Boulevards mit ihren palastartigen Warenhäusern entstanden. Das wird in der Oper in der berühmten „Ballade vom Goldenen Kalb“ sogar ganz direkt beschrieben: Die Welt giert nur nach Gold und Geld.

tip Ist Gounods „Faust“ die Oper zum Börsenkrach?

Lesen Sie weiter in tip 04/09 auf Seite 78/79

Interview: Jörg Königsdorf
Fotos: Monika Rittershaus

Faust

in der Staatsoper, Unter den Linden 7, Mitte, So 15.2., 19 Uhr
Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets

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