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Neue Dramatik

Katastrophengebiet Wohnzimmer: „Eine Familie“ am Berliner Ensemble

Schön kaputt: Tracy Letts Eine Familie mit Starbesetzung am Berliner Ensemble

Foto: Birgit Hupfeld

Dysfunktionale Familien sind im Leben etwas anstrengend, auf der Bühne erfreuen sie sich traditionell größter Beliebtheit. Vermutlich liegt das unter anderem daran, dass der normalfamilien­neurosengeschädigte Zuschauer nicht ungern dabei ­zusieht, wie sich Familien, die noch etwas kaputter und zerstrittener als die eigene sind, im Lauf ­eines Theaterabends stilsicher das Leben zur Hölle machen. Das vorerst letzte Produkt des Erfolgsgenres stammt vom US-Dramatiker Tracy Letts, ein Autor, mit dem das neue Berliner Ensemble regelmäßig zusammenarbeiten wird. Letts wirkungsvoll gebautes Stück „Eine Familie“ wird seit einigen Spielzeiten an so ziem­lichen jedem größeren Theater gespielt. In Berlin war es in einer eher derben Inszenierung im Theater am Kurfürstendamm zu ­sehen. Jetzt zeigt Oliver Reese seine hochkarätig besetzte Frankfurter Inszenierung als Übernahme am Berliner Ensemble.

Das Personentableau verfügt mit einem Trinker und Selbstmörder als Vater (Wolfgang Michael), einer tabletten- wie kontrollsüchtigen Mutter (Corinna Kirchhoff), einem drohenden Geschwisterinzest und drei leise, aber verbissen konkurrierenden Schwestern (Constanze Becker, Bettina Hoppe, Franziska Junge) über die genreüblichen Bestandteile. Dass der Vater, ein depressiver Literaturwissenschaftler, vor vielen Jahren eine Affäre mit der Schwester seiner Frau (Josefin Platt) ­hatte, der ein etwas debiler Sohn (Sasha Nathan) entsprungen ist, ist ein gut gehütetes Familiengeheimnis. Wie es sich gehört, explodiert dieses Geheimnis im Lauf des Abends, auf dass die Beteiligten etwas haben, was sie verarbeiten müssen.

Die große ­Corinna Kirchhoff spielt die im Tabletten-Nebel verrutschte, mit der Kraft der Bos­haftigkeit gesegnete, ihre Töchter mal de­mütigende, mal emotional erpressende Kleinfamilienherrscherin des Grauens mit einer schönen Mischung aus Nonchalance und Verstörtheit. Bettina Hoppe gibt ihrer Tochter Ivy einen trotzigen Aufbruchswillen, von dem man ahnt, dass er ins Leere führen wird. ­Franziska Junge macht aus ihrer Karen gekonnt eine dauerplappernde Nervensäge auf der vergeblichen Suche nach einem Platz im Leben. Constanze Becker spielt Barbara, die älteste der drei Schwestern, als eine eher ­herbe Frau, die zwar klug genug ist, das Elend ihrer Familie zu durchschauen und trotzdem loyal zu ihr zu bleiben, aber nicht die Kraft hat, sich daraus zu befreien.
Es ist eine sehr direkte, angenehm unprätentiöse Aufführung, die die Figuren weder denunziert noch in die Groteske treibt, sondern sie in den Varianten ­ihres Lebensunglücks mit großer Aufmerksamkeit, unsentimental, aber nicht lieblos betrachtet. Das ist konventionell, aber so gekonnt und klar erzählt, dass man über die dreieinhalb Stunden der Aufführung gespannt dabei ­zusieht, wie einige Menschen mit ihrem Leben nicht zurechtkommen.

Berliner Ensemble Fr 27., Sa 28.10., Sa 4., So 5.11., 19.30 Uhr, Eintritt 13 – 42 €

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