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Kathrin Röggla über ihr Stück „Die Beteiligten“

Kathrin_Roegglatip: Frau Röggla, wer sind „die Beteiligten“?

Kathrin Röggla: Na ja, ich fürchte wir alle. Aber es ist eine fiktive Teilhabe, die die echte Partizipation ersetzt. Wir sind Pseudo-Teilhaber, Pseudo-Beteiligte, zum Beispiel in allen möglichen Internetforen. In dem Stück geht es um Leute, die eigentlich nichts zu sagen haben, sich aber ständig zu Wort melden, und einfach, weil sie ständig präsent sind, eine indirekte Macht entfalten.

tip: Ihre Figuren, eine Möchtegern-Psychologin, ein Möchtegern-Journalist, eine Nachbarin und Möchtegern-Freundin reden ständig über das Opfer eines spektakulären Verbrechens. Dieses Verbrechen ähnelt dem Fall der jahrelang eingesperrten Natascha Kampusch, aber der Name Kampusch fällt kein einziges Mal. Nach Kampusch kam Fritzl. Folgt die mediale Aufbereitung der spektakulären Verbrechen dem Gesetz der Serie? Ist der Einzelfall, der den „Beteiligten“ Gesprächsstoff liefert, austauschbar?

Röggla: Ja, letztlich ist das Opfer austauschbar. Es geht in meinem Stück auch nicht um sie und ihre Geschichte, es geht um unser Interesse an solchen Geschichten. Das ist nicht nur das Spiel der Boulevardmedien, die solche Verbrechen ausbeuten. Auch unsereins, Theaterzuschauer, Leute, die die bürgerliche Mittelschicht darstellen und sich sehr kultiviert, gebildet und kritisch finden, beißen sich gerne an einem Phänomen wie dem Verbrechen an Natascha Kampusch fest.

tip: Weshalb können diese gutbürgerlichen Figuren in Ihrem Stück gar nicht genug davon bekommen, mit einer gewissen voyeuristischen Gier über das Opfer dieses Verbrechens zu reden?

Röggla: Was sie antreibt, ist der Wunsch, endlich mitreden zu können, etwas zu sagen zu haben. Darin pushen sie sich gegenseitig hoch. Man will teilhaben am medialen Spiel. Sie müssen dauernd reden, um überhaupt vorhanden zu sein. Das ist überdeutlich in Online-Communitys: Ich blogge, also bin ich. Eine schöne Quelle bei der Recherche waren die Internet-Leserforen des „Standard“, eine seriöse, linksliberale österreichische Zeitung. Das zu lesen war unglaublich. Verschwörungstheorien, Figuren, die immer wieder ihre Kommentare schreiben, teilweise wilde Beschimpfungen von Kampusch. Im Grunde war es eine Hexenjagd.

tip: Verwenden Sie in Ihrem Stück Sprachmaterial aus diesen Internetforen?

Röggla: Ja, das kann man sich ja nicht alles selber ausdenken. Sprache ist verräterisch, das ist mein Material. Ich bilde mir auch nicht ein, dass ich in meinem Privatkosmos eine Sprache habe, die nur mir gehört, sie kommt immer auch von außen. Das Interessante ist ja Sprache als gesellschaftliches Phänomen.

tip: Weshalb nennen Sie dieses Reden über Kampusch eine „Hexenjagd“?

Röggla: Die Scheinheiligkeit in der ganzen medialen Aufbereitung um Kampusch war massiv: Eine Dramaturgie der Anteilnahme und Betroffenheit, Voyeurismus, der kippt und der Frau alles Mögliche unterstellt. Das Publikum hat seine Vorstellungen davon, was ein Opfer ist, und das reale Opfer soll diese Bilder bitte sehr bedienen. Als Kampusch bei einem Fernsehauftritt reflektiert geredet hat, souverän war, das Opferbild nicht bediente, wurde ihr das vom Publikum übel genommen. Offenbar können wir Opfer nicht ertragen, ohne sie noch einmal zu viktimisieren. Man will einem Opfer nicht wirklich zuhören. Meine Figuren stehen in der zweiten Reihe, aber sie wären gerne vorne dabei, direkt am Opfer. Und wer steht üblicherweise dort? Laut Medien setzt sich die typische menschliche Umgebung in solchen Fällen ja aus dem Medienberater, der Nachbarin, der Psychologin, den alten Freunden, Journalisten zusammen, und die habe ich einfach in die zweite Reihe versetzt. Positionen, die wie beim Journalisten und der Psychologin auch etwas von einem Karriereversprechen haben. Das hat auch etwas Vampiristisches.

tip: Funktionieren Medien so parasitär?

Röggla: Nicht nur die Medien, glaube ich. Die gesamte Mediengesellschaft funktioniert so, letztlich auch das Theater. Es gibt kein Außerhalb davon, man kommt da nicht raus, auch ich nicht mit diesem Stück, auch wenn ich durch die Form, dadurch, wie das Stück funktioniert, versuche, diese Mechanismen auszuhebeln.

tip: Das Theater selbst behandelt am liebsten extreme Situationen, Mord und Totschlag, große Leidenschaften, das Publikum genießt das. Vielleicht ist das ja eine Urszene dieser voyeuristischen Vorgänge?

Röggla: Natürlich ist das Theater ein Ort für Voyeure, aber immerhin mit dem Versprechen der Katharsis, also der seelischen Reinigung von den dargestellten Affekten. Man muss halt mit diesem Theater-Voyeurismus umgehen, ihn unterlaufen, ihn thematisieren und mit Rahmenbrüchen arbeiten.

Interview: Peter Laudenbach

Foto: David von Becker

Die Beteiligten Di 17. + Mi 18.5., 20 Uhr, Haus der Berliner Festspiele, Karten: 25 48 91 00

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