Theater

Katie Mitchell im Interview

Katie Mitchell

Mit der britischen Regisseurin Katie Mitchell wird selbst der Smalltalk politisch. Die 51-jährige, die gerade Mittagspause von ihrer Probe im Studio der Schaubühne macht, erzählt, dass sie nur noch mit dem Zug reist, nicht mehr mit dem Flugzeug. Wegen des CO2-Fußabdrucks. Zu Gastspielen ihrer Produktionen in Übersee reist sie nicht mehr mit. Ihre Kleidung kauft sie ausschließlich Secondhand. Ihr anderes Herzensprojekt zielt eher auf die intellektuelle Modernisierung: Sie arbeitet daran, Frauenbilder im Theater entstauben.

tip Katie Mitchell, wir kennen Ophelia als Hamlets Freundin, die wahnsinnig wird und als Wasserleiche endet. Was gibt es noch über sie zu erfahren?
Katie Mitchell Ich will das Klischee infrage stellen. Wenn wir ein Stück wie „Hamlet“ heute inszenieren, holen wir damit zugleich das misogyne Bild von Frauen aus der damaligen Zeit auf die Bühne. Meist nicht wirklich hinterfragt. Ich möchte aber keinen Abend darüber machen, weshalb Ophelia verrückt wird. Sondern ich will die Frage stellen: Schmuggelt die Darstellung von männlichen Helden und weiblichen Opfern nicht etwas Giftiges in unsere gegenwärtigen Beziehungen?

tip Die Frage kann man sich bei so ziemlich jedem anderen Autor des klassischen Kanons stellen.
Katie Mitchell Das schlimmste Beispiel ist „Cosi fan tutte“. Frauen darf man nicht trauen! Natürlich werden die meisten behaupten, es sei schon okay, die Oper trotzdem zu inszenieren, schließlich sei die Musik doch so wundervoll. Aber ist es wirklich so okay, ein sexistisches Narrativ zu transportieren, in welchem Gewand auch immer? Um auf Hamlet zurückzukommen: Wenn man reale Bilder ertrunkener junger Frauen sieht, aufgebläht, zerstört, kann man davor nur kapitulieren. Aber bei Shakespeare wird Ophelias Tod als anmutig beschrieben.

Ophelias Zimmertip Warum sich überhaupt weiter an den frauenfeindlichen Klassikern abarbeiten? Man könnte ja auch neue Narrative schaffen.
Katie Mitchell Ich bin mir sicher, dass die meisten Regisseure und Regisseurinnen die Gender-Problematik in diesen Stücken durchaus mitdenken. Aber solange man nicht radikal ändert, was man da präsentiert, ändert sich auch das Bewusstsein nicht. Wir schauen mit Shakespeare auf elisabethanische patriarchale Strukturen. Wunderbar geschrieben, klar. Aber wenn man sich als junge Frau all diese Bilder anschaut, was erzählt einem das darüber, was Theater ist? Was es repräsentiert?

tip Sie arbeiten mit der jungen britischen Dramatikerin Alice Birch zusammen. Wie nah bleibt „Ophelias Zimmer“ an der Shakespeare-Vorlage?
Katie Mitchell Man sollte kein lineares Narrativ oder gar ein well-made play erwarten. Stattdessen schauen wir uns genau an, was mit einer jungen Frau passiert, die keine Macht hat, keine Kontrolle, kein Selbstwertgefühl, keinen Wert für irgendjemanden. Was macht das mit einem, sich das anzusehen – über eine Stunde lang? Und dabei bewegen wir uns entlang des Basiswissens, das jeder über das Stück mitbringt. Nur eben strikt aus der Perspektive von Ophelias Schlafzimmer. Sie liest und empfängt ja nur Briefe. Da halten wir uns strikt an die Regeln!

tip Kommt Hamlet noch vor?
Katie Mitchell Ja, aber nur vier oder fünf Minuten. Von dem haben wir schon genug gesehen! Alice hat viel über den Lärm gesprochen, den Hamlet verursacht, den narzisstischen Lärm. Dagegen steht die Stille der Ophelia. In die begeben wir uns.

tip Birch hat dem „Guardian“ gesagt, sie sei nicht an einem Gespräch darüber interessiert, warum wir das Wort Feminismus heute noch brauchen. Wie geht es Ihnen damit?
Katie Mitchell Die Geschichte des Feminismus bewegt sich in Wellen. Ich habe erst kürzlich mit der Dramatikerin Caryl Churchill darüber gesprochen. Ich habe sie gefragt, was ich meiner 10-jährigen Tochter sagen soll, wenn sie wissen will, warum Männer und Frauen nicht gleich behandelt werden? Caryls Antwort war interessant: Die Idee ist relativ neu. Erst ungefähr 200 Jahre alt, was geschichtlich gesehen eine wahnsinnig kurze Spanne ist. Es braucht mehr Zeit.

tip Auch das Theater reproduziert gern die Verhältnisse, die es zu kritisieren vorgibt.
Katie Mitchell Die Erwartung an eine extrem liberale, progressive Haltung, die von den Theatern selbst geschürt wird, löst sich bei näherem Hinsehen kaum ein, zumindest ist das in Großbritannien so, in Deutschland fehlt mir der Überblick. Die Stücke von den 50er Jahren abwärts, an denen die Theater so hängen, präsentieren rückwärtsgewandte Rollenmodelle, und obwohl deren Hinterfragung geradezu aggressiv behauptet wird, fehlt überwiegend das Interesse an einem wirklichen Wandel. In der Bildenden Kunst ist das anders.

tip In jeder Kritik über Ihre Arbeit wird hervorgehoben, dass sie aus der Perspektive einer Heldin erzählt ist, wie an der Schaubühne „Die gelbe Tapete“ oder „The Forbidden Zone“. Scheint noch immer bemerkenswert zu sein.
Katie Mitchell Oh ja, ich erinnere mich, wie ich in Wien gefragt wurde, weshalb ich jetzt schon das dritte Stück in Folge über eine depressive Frau gemacht hätte, die Suizid begeht. Und ich entgegnete: Wenn ich hintereinander „Hamlet“, „Macbeth“ und „King Lear“ inszeniert hätte, würden Sie mir die Frage dann auch stellen? Als gäbe es nur eine Form weiblicher Verzweiflung, aber ein riesiges Spektrum männlicher!

tip Hat Ihnen das das Label einer „Theater-Fachkraft für Verzweiflung“ eingetragen?
Katie Mitchell Kümmert mich nicht. Da bin ich in guter Gesellschaft, viele Künstlerinnen sind als „schockierend“ beschrieben worden, wenn sie die dunkleren Seiten menschlichen Verhaltens ausgeleuchtet haben. Warum? Sollen wir uns davon lieber fernhalten? (lacht). Ich war mein Leben lang Feministin, seit meinen späten Vierzigern sehe ich mich an einem Punkt in meiner Karriere, wo ich möglicherweise einen Beitrag leisten kann, indem ich auf bestimmten Themen beharre.

Interview: Patrick Wildermann

Foto Katie Mitchell: Stephen Cummiskey 2014

Foto „Ophelias Zimmer“: © Gianmarco Bresadola

Ophelias Zimmer, Schaubühne, Di 8., Mi, 9.12., So 13.- Mi 16.12., 20 Uhr, ?Karten-Tel.: 890023

Mehr über Cookies erfahren