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Gespräch

Kay Voges über Culture Wars, das Leben in der Timeline und seine Volksbühnen-Inszenierung „Don’t Be Evil“

In Shitstormgewittern: „Wir sind eingewickelt in die Nerven der gesamten Menschheit“, sagt Kay Voges

Skizzomat/ Marie Emmermann

Geboren 1972 in Düsseldorf, seit 2010 ist er Intendant des Schauspiel Dortmund. Sein Werk ist geprägt von multimedialen Verknüpfungen zwischen Film und Theater. Seine Inszenierung „Die Borderline Prozession“ wurde 2017 zum Berliner Theatertreffen eingeladen.

tip Herr Voges, der Titel Ihrer Inszenierung „Don’t Be Evil“ ist ein Zitat aus dem Verhaltenskodex, den sich Google selbst gegeben und inzwischen abgeschafft hat. Was sagt es über den Kapitalismus, dass sich Großkonzerne als moralische Autorität inszenieren?

Beinahe alle Big Player der Internet-Konzerne entstammen der kalifornischen Ideologie – jener seltsamen Mixtur aus utopischer Hippie-Entgrenzungsphilosophie und knallhart marktorientiertem Neoliberalismus. Die Verpflichtung von Google, nicht böse sein zu wollen, oder das Credo von Facebook, die Menschheit durch Vernetzung besser zueinander finden zu lassen, sind also nicht zynisch gemeint. Andererseits sind diese Konzerne rein strukturell wohl kaum mit dem nötigen Rüstzeug ausgestattet, das Gute, Wahre und Schöne zu fördern. Stattdessen bemerken Gesellschaften irritiert, dass diese Netzwerke eher das Gegenteil bewirken: Anstatt von Entgrenzung und freundlichem Miteinander finden sie aufpeitschende Empörung, spaltende Echokammern und als Resultat eine Abkehr von der Welt und den Mitmenschen.

tip Vor welchem schlechten Verhalten warnt uns Ihre Inszenierung?

Warnen muss und möchte ich nicht, das wäre mir auch zu pietistisch. Aber für uns von Interesse sind zwei im Netz immer wieder beobachtbare Vorgänge. Einerseits die „Empörungskybernetik“, wie Bernhard Pörksen das Phänomen beschreibt: Die Wut über die Wut der Anderen macht mich immer wütender; die Empörungen werden zum Feedback-Loop, Zwischentöne in Shitstormgewittern werden unmöglich. Und andererseits interessiert uns der von Thomas Edlinger so getaufte „Miserabelismus“: die Kombination aus Apokalyptik und Moral. Wer alles schwarzmalt und als einer der wenigen weiß, wie es besser gehen würde, dem sind viele Likes garantiert! Es ist aufregend, diese strukturellen Prozesse von den glatten Oberflächen der Handydisplays in den konkreten Bühnenraum zu übertragen – zumal gerade die Volksbühne in den letzten Jahren ja ihre eigenen Erfahrungen mit diesen Phänomenen machte!

Kay Voges, Foto: Marcel Urlaub

tip In der Ankündigung ihrer Inszenierung schreibt die Dramaturgie der Volksbühne: „Im Dauerflimmern der sozialen Netzwerke rüstet man sich für den kommenden Culture War.“ Welche Kultur-Kriege sehen Sie am Horizont?

Der Kampf zwischen einer freiheitlich-fortschrittlichen Idee von Gesellschaft und einer stramm autoritär-völkischen Auffassung, den die Rechte derzeit weltweit propagiert, wird größtenteils online geführt. Angela Nagle beschreibt in ihrer lesenswerten Studie „Die digitale Gegenrevolution“, wo die digitalen Frontverläufe verlaufen: auf der einen Seite die post-modern geschulte, queere universitäre Linke auf Tumblr und Co., die in ihrem Kampf für Gleichberechtigung immer wieder selbst ins Autoritäre und Dogmatische abrutscht. Und dann gibt es den rechten Sumpf auf 4chan, Gab oder Reddit, aus dem sich die Alt-Right oder die Identitären rekrutieren – und der Trollpolitikern wie Trump den Boden mitbereitete. Deren Kriegsführung via Memes, Hacking und kulturellen Codes fordert allerdings längst echte Opfer: Die Amokläufer von Christchurch und El Paso hatten sich auf 8chan radikalisiert, ihre Taten streamten sie live auf Facebook wie ein Let’s Play-Video in Egoshooter-Optik.

tip Wann und wie wird Kommunikations- und Informations-Overkill zur gefährlichen Überforderung des Einzelnen und der Gesellschaft? Mit welchen Folgen?

Eine These unserer Inszenierung: Wir erzählen uns die Welt heutzutage durch die Timeline. Ein Großteil der Informationen wird uns via Facebook, Instagram, Twitter oder Whatsapp mitgeteilt. Privates und Öffentliches werden da untrennbar miteinander verwoben: Die Urlaubsfotos unserer Tante, der Theater-Verriss, das Skandalvideo aus Ibiza, die aktuelle AfD-Kampagne, Katzenvideos und die neuesten moralischen Vorwürfe gegen XY stehen direkt neben- und übereinander. Das ist erstmal enorm interessant, denn eine lineare Erzählung bleibt da oft aus, man erschließt sich die Welt schließlich durch das Scrollen unserer Finger. Allerdings hat jeder andere Timelines, jeder sieht anders auf die Welt, keine Gegenwart gleicht der anderen, jeder schaut jedem zu, und alles aktualisiert sich auch noch ständig. Wir sind eingewickelt in die Nerven der gesamten Menschheit. Da wird es dann erstmal schwerer, sich auf gemeinsame Standpunkte zu einigen. Allein das Innehalten, Reflektieren, Überdenken wird im Getöse einer überall auf uns einprasselnden absoluten Gegenwart eine echte Überwindung. Gemeinsame Wahrheiten erodieren und werden so zum Kampfbegriff.

tip Was ist in diesem Dauerrauschen der Mediensignale überhaupt noch real, „echte“ Wirklichkeit?

Tja, das ist das Schöne am Theater: Es versammelt viele Phänomene, die wir noch als real und „authentisch“ verbuchen. Gemeinsame Anwesenheit, das bewusste Teilen gemeinsamer Zeit und Konzentration, und auch der Applaus oder das Buh zum Schluss sind direkte veräußerbare Meinung. Und dann natürlich die Menschen auf der Bühne – die Haptik, die Körper, die Stimmen. Vielleicht sind Schauspieler und Schauspielerinnen auf einer Bühne das Echteste, was es gibt?

tip Sie waren in Ihren Arbeiten immer von elektronischen Medien inspiriert und haben das Theater mit dem Internet gekoppelt. Misstrauen Sie heute angesichts der Hysterie in Social Media dem Kommunikationsraum des Internet?

Ich bin ein Freund der gesunden Skepsis – auch im Umgang mit Technologie. Neue Technologien sind erstmal weder gut noch schlecht, sondern stets ein Feld an Möglichkeiten. Es ist an uns, dieses Feld dann positiv zu besetzen. Im Fall von Social Media hieße das vielleicht: sich den Mechanismen der Empörung, der permanenten Gegenwart und des digitalen Stammesdenkens ein wenig zu entziehen. Mal hier eine Meinung weniger verorten, mal dort ein echauffiertes Schnauben nicht re-tweeten. Das heißt natürlich nicht, dass man unkritisch durch die Welt laufen soll. Der Kommunikationsraum des Netzes ist schließlich immer wieder auch ein unglaublicher Segen, gerade auch für bis dato marginalisierte Stimmen. Es ist an uns, im Umgang mit der Digitalisierung einen Zwischenweg zu finden – weder mit neoliberaler Kälte noch mit kulturpessimistischem Schwanengesang der Eliten.

Termine: Volksbühne Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte