Theater

„Keinen Schritt weiter!“ am Grips Theater

GregoryCaers_im_Grips_TheaterDie Feier muss furchtbar aus dem Ruder gelaufen sein. Und damit sind nicht die üblichen Kollateralschäden juveniler Exzesse gemeint, die Scherben und das Erbrochene. „Wer hat die Drogen auf die Party gebracht?“, will eine Verhörstimme aus dem Off wissen. Und: „War das Opfer in einen Streit verwickelt?“ Ein Opfer also. Das junge Mädchen vor dem Mikrofon gerät in Erklärungsnot. Sie steht in einem von Jalousien umschlossenen Geviert, einer Zelle ähnlich, und hat keine Antworten. Nur selbst eine Menge Fragen. Was Liebe ist, zum Beispiel. Wie es E-Mails nach Venezuela schaffen. Und wieso der Mensch sich für die Krone der Schöpfung hält. Alles ein Rätsel.

Gregory Caers unterbricht die Szene. Der flämische Regisseur, ein schlaksiger Enddreißiger, barfuß und im schwarzen T-Shirt, gibt auf Englisch ein paar Anweisungen an die junge Schauspielerin. Dann widmet er sich dem Gruppenbild. Zehn weitere Jugendliche drängen sich auf der Tanzfläche. Sie performen die Party in einer zweiten, größeren Jalousienbox auf der Bühne. Befeuert von wuchtigen Electro-­Beats, die de Musikerin Tanja Pannier am DJ-Pult live einspielt, schrauben sich die Kids kollektiv hüpfend in den Vollrausch. Verlangsamen und driften in den Slow-Motion-Dämmer. Oder erstarren zur Bewegungslosigkeit, die Flasche am Mund. Angeleitet von Caers’ knappen Zurufen: „Stand still!“ Oder: „Drinking picture!“ Eine präzise Choreografie des Kontrollverlusts.

„Keinen Schritt weiter!“ heißt das Stück, das in der Alten Feuerwache an der Oranienstraße entsteht. Es ist eine Koproduktion zwischen dem Grips Theater und der Academy. Die Kreuzberger Bühnenkunstschule für Jugendliche feiert in diesem Jahr ihr zehnjähriges Bestehen, arbeitet aber nach wie vor unterhalb des großen Aufmerksamkeitsradars. Bewerben an der Academy können sich Jugendliche zwischen 13 und 19 Jahren, zu Beginn jedes Schuljahres gibt es einen Castingworkshop. Aus den Talenten werden drei Klassen mit 15 Schülern gebildet, Schauspiel, Gesang und Tanz. Training gibt es zwei Mal die Woche.
„Das Hauptziel des ersten Jahres ist, die Basis zu schaffen“, sagt Rachel Hameleers, gebürtige Niederländerin und künstlerische Leiterin der Academy. „Den Körper kennenlernen, den Atem, sich selbst.“ Es gehe weniger um technische Fertigkeiten – Spagat oder hohes C – sondern vielmehr um die Frage: „Was hast du zu sagen? Und: Traust du dich, damit auf die Bühne zu gehen?“ Im zweiten Jahr wird dann eine Produktionsklasse aus den drei Fachrichtungen zusammengestellt, mit nur noch 15 Schülern. Die erarbeiten zusammen ein Stück. Danach ist für gewöhnlich Schluss.
Die elf Jugendlichen aus dem „Keinen Schritt weiter!“-Ensemble sind sämtlich Academy-Absolventen. Diese Master-Class-Produktion in Zusammenarbeit mit dem Grips – sozusagen ein dritter Jahrgang – ist ein Novum für die Schule. Und Neuland für das Jugendtheater, das mit dem jungen Regisseur Jörg Schwahlen neben Hameleers die Co-Leitung stellt.
Seit drei Wochen proben die Beteiligten in den Räumlichkeiten der Alten Feuerwache, unter klimatisch fragwürdigen Bedingungen. Für die letzte Woche wird das Team ins Grips Podewil ziehen, wo die Premiere stattfindet. Keine lange Zeit für eine Stückentwicklung. „Das Tempo war von Anfang an wahnsinnig hoch“, so Hameleers, „aber es gab keine Wehwehchen, keine Klagen.“
Probenpause. Die Jugendlichen trinken Wasser, der Regisseur steht vor einer beschrifteten Wand, die den Ablauf des Stücks skizziert. „Als wir begonnen haben, hatten wir nichts“, sagt er und lächelt. Keinen Plan. Keine Story. „Ich habe den Jugendlichen Fragen gestellt und ihnen Aufgaben gegeben“, erzählt er. „Mach eine Liste von allem, was du nicht verstehst“, lautete eine Vorgabe. Oder: „Überschreite jemandes Grenze.“ Die Jugendlichen hätten die Aufgaben körperlich erfüllen können oder mit Worten. Ihre Wahl. Alles, was entstand, wurde notiert. „Jeder Text, den Sie hören, jede Bewegung, die Sie sehen, stammt von den Jugendlichen“, sagt Caers. „Ich bin der Skulpteur, der ihr Material formt.“
Ans Mikrofon tritt Alexandra Sinelnikova. Die 19-Jährige mit den roten Locken beginnt, eine scheinbar alltägliche Geschichte zu erzählen. Ein gewöhnlicher Aprilmorgen, in der U-Bahn ist es heiß. Sie beschreibt die Mitfahrenden, den Jungen, der in sein Smartphone quatscht, die Grundschüler mit den riesigen Ranzen. Unversehens kommt die Bahn im Tunnel quietschend zum Stehen, verharrt in leichter Schrägneigung. Nach langer Ungewissheit informiert eine Durchsage über einen „Fahrgastunfall“. Jemand hat sich vor den Zug geworfen. „Was, wenn ich eine spätere Bahn genommen hätte?“, sinniert die junge Frau. „Wie vielen solcher Situationen bin ich entkommen?“ Aber vor allem lässt der Vorfall sie darüber nachdenken, welche Konsequenzen so ein Suizid hat. Nicht nur für die Freunde und Familienangehörigen, die zurückbleiben. „Was ist mit denen, die dich aufsammeln müssen?“, fragt sie. „Die Geschichte habe ich wirklich erlebt“, erzählt Sinelnikova nach der Probe. Sie ist mit 15 Jahren zur Academy gestoßen. „Eine der besten Entscheidungen, die ich getroffen habe. Weil ich so viel auch über mich selbst gelernt habe.“

GripsTheater-keinenSchrittweiterGregorys Lieblingssatz in den ersten beiden Probenwochen sei „Everything is possible“ gewesen, erzählt eine andere Schauspielschülerin. Mit entsprechendem Freiheitsgefühl sprangen sie ins kalte Wasser. Erfüllten noch die scheinbar abseitigsten Aufgaben, so а la: „Rede mit einem kleinen Mann und gehe in der Sonne zu unendlicher Freiheit auf.“ Daraus sollten sie zu zweit eine Choreografie machen. „Caers“, sagt Sinelnikova, „strahlt eine große Souveränität aus. Man vertraut ihm einfach.“

Der Vorteil dieses Theaters liegt für Jörg Schwahlen, den Co-Leiter des Projekts, auf der Hand: „Die Bilder, die hier entstehen, schaffen im Kopf eine viel größere Freiheit als ein Text, der alles auf den Punkt genau erklärt.“ Er ist überzeugt, dass jeder Zuschauer ein anderes Stück sehen wird. Und er hat auch keine Zweifel, dass dieses Saisoneröffnungsstück gut ans Grips passt. „Erfahrungen mit Alkohol, Drogen, Liebe, Sexualität, Aggression, überhaupt das zentrale Grenzthema“ – alles Motive, „von denen man erzählen muss.“ Weil sie unmittelbar der Erlebniswelt von Jugendlichen entstammen. Und nicht mit belehrendem Gestus vorgetragen werden. „Das Stück“, betont Schwahlen, „ist nicht moralisch.“ Es erzählt nur von einer Party, auf die jemand eine Pistole mitbringt.
Noch eine Frage, die Gregory Caers seinen jungen Spielern während der Proben zur offenen Beantwortung überließ: „Wie ist es möglich, dass es so weit kommen konnte?“ 

Text: Patrick Wildermann
Foto: Oliver Wolff

Keinen Schritt weiter!
im Grips Podewil,
 Premiere: Do 8., weitere Termine u.a. 9.+ 10.8., 19.30 Uhr, Karten-Tel. 397 47 40

 

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