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„Kill your Darlings. Streets of Berladelphia“ an der Volksbühne

KillYourDarlings_c_ThomasAurinEines der schönen Paradoxe, die Renй Polleschs Theater bereithält, besteht daraus, dass sein Theater dauernd die Lügen des Theaters zum Thema macht und genau in diesen Selbstreferenzschleifen sehr viel mehr von der außertheatralischen Wirklichkeit zu fassen kriegt als Inszenierungen, bei denen die vierte Wand zwischen Bühne und Zuschauerraum, zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung noch keine Löcher bekommen hat. In seinem neuen Stück mit dem schönen Titel „Kill your Darlings. Streets of Berladelphia“ dockt er sein Theater an Brecht an, nicht ohne die Brecht-Verweise – halbhoher Vorhang und Mutter-Courage-Planwagen auf der leeren Bühne – gleich wieder umzucodieren und in ihrer Zitathaftigkeit als Teil des Referenzsystems Theatergeschichte auszustellen. Das ist spätestens, wenn der grandiose Fabian Hinrichs den Cou­rage-Wagen mühsam zieht und dabei von seinem Liebeskummer spricht, ziemlich komisch: So hat eben jeder seine Last zu tragen! Hinrichs Partner und Antagonist ist ein Chor, allerdings kein Sprech-, sondern ein Bewegungschor, der nicht nur Brechts Lehrstücke, sondern auch das Theater Einar Schleefs zitiert.

Aber weil der Bewegungschor aus 15 jungen Mitgliedern eines Turnvereins besteht, die munter Rad schlagen, hat das statt Schleefs archaischer Wucht eine große Leichtigkeit. Es ist in jedem Augenblick vor allem: ein Spiel. Der Schauspieler Fabian Hinrichs katapultiert sich im Solo durch einen Text, der gleichzeitig hochbeschleunigtes Gedankenspiel, scheinbar privates Statement und, so wie Hinrichs das performt, vor allem eine große Freude ist. Etwa wenn er ausruft, der Chor sei doch kein Kollektiv, sondern nur ein Netzwerk und repräsentiere damit den Kapitalismus, deshalb könne er leider nicht mit dem Chor ins Bett gehen. Prompt wird der arme Hinrichs vom Chor umgarnt, verfolgt, eingekesselt, in die Luft gehoben wie das noch so kritische Subjekt vom Kapitalismus, vor dem es ja bekanntlich auch kein Entrinnen gibt. Am Ende liegt der tolle Hinrichs in einem bizarren Krakenkostüm auf dem Boden und lässt das Publikum wieder mal mit einem schönen Pollesch-Witz alleine: „Gibt es eine Antwort? Ja. Aber wir haben sie rausgestrichen! Die Antwort ist: Du musst im Krakenkostüm bleiben, solange Dir keiner raushilft!“

Text: Peter Laudenbach

Foto: Thomas Aurin

tip-Bewertung: Herrausragend

Kill your Darlings. Streets of Berladelphia
in der Volksbühne

Karten-Tel. 24 06 57 77

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