Theater

„Kinder der Sonne“ im Deutschen Theater

KinderDerSonneStephan Kimmig holt am Deutschen Theater Gorkis „Kinder der Sonne vom Vorabend der russischen Revolution in die gänzlich revolutionsferne Gegenwart. Kimmig hat das Wetterleuchten der heraufziehenden Umbrüche weitgehend gestrichen. Übrig bleiben empfindsame Akademikerseelen mit einem arg verrutschten Gefühlsleben. Die Bühne (Katja Haß): Nichts als ein Labyrinth weißer Metallstreben. Ziemlich verloren stehen die Insassen in dieser zugigen Leere herum. Der ständig Süßigkeiten lutschende Wissenschaftler Protassow etwa, der für den Rest der Welt schon lange nur noch ironisch amüsiertes Desinteresse aufbringt (Ulrich Matthes). Dass seine Frau (Nina Hoss) ihn nicht mehr liebt, dass eine Verehrerin (Katrin Wichmann) hingebungsvoll an seinen Lippen hängt, perlt an ihm ab.

Andere Salon-Insassen können ihr Gefühlsleben nicht ganz so rückstandsfrei sedieren. Sie scheinen alle unter einem nervösen Überdruck zu stehen, der sich in  gelegentlichen Ausbrüchen entlädt. Dann tobt Nina Hoss als Protassows Gattin unvermittelt los, dass sie das alles kaum noch erträgt. Was natürlich folgenlos versickert. Genau wie wenig später ein ähnlicher Anfall von Protassows Schwester (Katharina Schüttler): „Warum versteht mich denn hier keiner?“ Der Maler Wagin (Sven Lehmann) rettet sich aus dem Stumpfsinn, indem er sich so ziemlich alles auf Distanz hält. Nur der zynische Tierarzt Tschepurnoj (Alexander Khuon), unglücklich verliebt, zieht Konsequenzen aus dem lähmenden Leerlauf: Er hängt sich auf. Hinter der komischen Oberfläche ist das eine hoffnungslos melancholische Inszenierung, die mehr von unserem Leben erzählt als ein Großteil der Bühnen-Konfektionsware dieser Tage.

Text: Peter Laudenbach

tip-Bewertung: Sehenswert 

Foto: Arno Declair

 

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