Theater

Klassik-Vorschau 2012

Al_gran_sole_carico_damore_Laura_Sundermann_c_Salzburger_Festspiele_Stephen_Cummiskey_2009Dass zu den Freuden klassischer Musik weit mehr als Repertoire-Pflege zwischen Bach, Mozart, Verdi und Wagner gehört, führen die Berliner Musikveranstalter 2012 ausgiebig vor: Festivals, Konzerte und Opernpremieren widmen sich den Klassikern der Moderne des vergangenen Jahrhunderts oder gleich den Uraufführungen Neuer und neuester Musik. Den Anfang macht Ende Januar mit seiner 14. Ausgabe das in Kennerkreisen hochgeschätzte Ultraschall-Festival (20. – 29.1., www.kulturradio.de/ultraschall) mit hochkarätig besetzten Konzerten unter anderem im Radialsystem. Neben Werken etablierter Größen der Neuen Musik von György Ligeti bis Pierre Boulez und Karlheinz Stockhausen steht das Frühwerk zweier früh verstorbener Komponisten im Zentrum: Claude Vivier, der bedeutendste Komponist Kanadas, und Jean Barraquй, einer der wichtigsten Vertreter des Serialismus in Frankreich. Daneben stellt das Festival junge Komponisten wie Sarah Nemtsov, Michael Pelzel, Oscar Bianchi oder Yannis Kyriakides vor. Zu den konzertierenden Ensembles gehören unter anderem die Neuen Vocalsolisten Stuttgart, die musikFabrik, das Deutsche Symphonie- Orchester Berlin und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin.

Zwei denkbar gegensätzlichen Großmächten der Neuen Musik widmet sich zwei Monate später die MaerzMusik – Festival für aktuelle Musik (17. – 25. 3., www.berlinerfestspiele.de): Zum 100. Geburtstag des großen Musik-Revolutionärs und anarchistischen Klang-Philosophen John Cage wie zum 60. Geburtstag des wesentlich weniger radikalen Wolfgang Rihm untersucht das Festival das „Werk und die Folgen“ der beiden Komponisten. Cage ist einer der Komponisten, dessen Werk seiner Disziplin grundlegend neue Perspektiven und Möglichkeiten eröffnet hat, einer der Künstler, nach dem, zumindest in seiner Kunst, nichts mehr ist wie zuvor: „Seine bahnbrechenden Werke und Texte lösten ein künstlerisches Erdbeben aus mit weittragenden Folgen“, schwärmen die Festival-Veranstalter völlig zu Recht. Die MaerzMusik präsentiert einige exemplarische Werke von Cage und von jüngeren Komponisten, die maßgeblich von ihm beeinflusst wurden. Außerdem kommen neue Werke von Elliott Sharp, Werner Dafeldecker, Valerio Tricoli und HP Kuhn zur Aufführung. Auch die Opernhäuser wagen sich an noch immer zu selten gespielte, so anstrengende wie faszinierende Klassiker der Moderne.

Ein Ereignis ist die gefeierte Salzburger Produktion der Oper „Al Gran Sole Carico d’Amore“ („Unter der großen Sonne von Liebe beladen“) des italienischen Kommunisten und Avantgarde-Großmeisters Luigi Nono, die die Staatsoper verdienstvollerweise nach Berlin holt, Regie: Katie Mitchell, Musikalische Leitung: Ingo Metzmacher, Premiere: 1. März (www.staatsoperberlin.de). Weil diese Ausnahme-Produktion jede konventionelle Opernbühne sprengt, zeigt sie die Staatsoper im Kraftwerk Mitte. „Die Geschehnisse kreisen um Louise Michel zu Zeiten der Pariser Commune 1871, um Gorkis Mutter der russischen Revolution von 1905, um die reale Person Tania Bunke, die bolivianische Freiheitskämpferin, und den Guerillakampf in Lateinamerika, um Haydйe Santamarмa und die Figur des Freudenmädchens Deola während der Turiner Arbeiterunruhen der Fünfzigerjahre. Verschiedene Zentren, in Zeit und Raum voneinander getrennt, lassen ‚Al Gran Sole Carico d’Amore‘ nicht in einem stringenten Handlungsablauf verweilen, sondern bringen die unterschiedlichen Geschichten ihrer revolutionären Frauenfiguren auf die Bühne“, berichtet die Dramaturgie der Staatsoper. Für sein Libretto verwendet Nono Texte unter anderem von Brecht, Fidel Castro, Ernesto »Che« Guevara, Georgi Dimitroff, Maxim Gorki, Antonio Gramsci, Lenin, Karl Marx, Friedrich Engels, und Arthur Rimbaud. Wenn schon Revolution in der Musik, dann richtig.

Nicht ganz so radikal, aber dafür schön schräg ist ein Klassiker der Moderne, den der designierte Intendant Barrie Kosky an der Komischen Oper inszeniert das Ballett mit Gesang „Die sieben Todsünden“ von den Herren Bertolt Brecht (Text) und Kurt Weill (Musik), den Schöpfern der „Dreigroschenoper“, Premiere: 12.Februar (www.komische-oper-berlin.de). Und auch in der ehrwürdigen Philharmonie widmet man sich einigen Uraufführungen: Im Kammermusiksaal spielen Mitglieder der Berliner Philharmoniker bei der „Prisma Kammermusik“ (29.5., www.berliner-philharmoniker.de) neben Werken von Stockhausen und Holliger auch Uraufführungen der Komponisten Luнs Antunes Pena, Roland Moser und Alessandro Solbiati.

Text: Peter Laudenbach

Foto: Salzburger Festspiele / Stephen Cummiskey / 2009

AUSGEWÄHLTE TERMINE

Januar

„Ultraschall“ Festival für Neue Musik, bei dem unter anderem Werke von John Cage, Morton Feldman, Luigi Nono, Karl-Heinz Stockhausen und Helmut Oehring sowie junger Komponisten erklingen.
20.–29.1., diverse Orte

„Montezuma“ Konzertante Aufführung der Oper von Carl Heinrich Grauns. Mit Vesselina Kasarova in der Titelpartie. Am Pult der Staatskapelle Berlin ist Michael Hofstetter zu erleben. Es singen in den weiteren Rollen Anna Prohaska, Pavol Breslik, Florian
Hoffmann, Adriane Queiroz, Michael Maniaci und der Staatsopernchor. In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln.
26.1., Staatsoper im Schiller-Theater

Februar

„All’Ongarese“ Zehn Programme mit Schwerpunkt Ungarn: Sinfoniekonzerte, Kammermusik, Neue Musik, Folklore, Film, Lesung und Kulinarisches.
18.–26.2., Konzerthaus

„Unterwegs: Die Musik der Klöster“ Moderator Roger Willemsen stellt in der Reihe „Unterwegs“ Weltmusik vor. Der Abend konzentriert sich auf Musik, die aus Klöstern in Armenien, Bulgarien und Tibet stammt.
3.2., Philharmonie

März

„Maerzmusik“ Das internationale Festival untersucht in diesem Jahr schwerpunktmäßig Rezeption und Wirkung der Komponisten John Cage und Wolfgang Rihm.
17.–25.3., diverse Orte

„Orchestre Philharmonique De Monte Carlo“ Werke von Maurice Ravel, Franz Liszt und Nikolai Rimski-Korsakow. Musikalische Leitung: Giancarlo Guerreo.
4.3., Konzerthaus

„Candide“ Konzertante Aufführung der Oper von Leonard Bernstein anlässlich des Gedenkens an Loriot. Es spielt das Orchester der Deutschen Oper Berlin unter Leitung von Donald Runnicles. Als Sprecher fungiert Ben Becker.
15.3., Deutsche Oper

 

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