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Klaus Maria Brandauer über seine erste Opernrolle

Klaus Maria Brandauer über das Musiktheater 
Morgen und Abend von Georg Friedrich Haas 
und seine erste Opernrolle.

Klaus Maria Brandauer

tip Herr Brandauer, in der Vorlage zu „Morgen und Abend“ von Jon Fosse findet sich der Roman-Held in einem Zeitloch wieder: in einer surrealen Zwischenwelt aus Vergangenheit und Zukunft. Sie auch?
Klaus Maria Brandauer Nein, ich ­bleibe in der realen Zeit. Nur die anderen wechseln. Meine Frau war allerdings in der Premiere am Londoner Royal Opera House und ­meinte: „Eigentlich bist du derjenige, der aus der Zeit gefallen ist.“

tip Sie spielen, auch in Berlin, sonst immer Hauptrollen. Diesmal nicht!
Klaus Maria Brandauer Da haben Sie mich aber in meiner Anfangszeit in der Provinz nicht gesehen! In Tübingen war ich in „Agnes Bernauer“ als Dietrich von Bern besetzt. Ich habe die Rolle nicht einmal finden können, so klein ist sie. Schließlich stellte sich heraus, dass ich mir auf Seite 78 ein Wort mit dem Darsteller des Otto von Bern teilen musste. Jetzt, 52 Jahre später, spiele ich einen in die ­Jahre gekommenen Fischer, der unverhoffter Weise ein Kind gezeugt hat. Der Roman von Fosse, das muss ich sagen, der hat mich begeistert.

tip Sind Sie schon früher in der Oper aufgetreten?
Klaus Maria Brandauer Ich bin gern dabei, wenn Musik im Spiel ist. Mit dem Sprecher in den „Gurre-Liedern“ von Schönberg hat es angefangen. Aber ich bin ohne Ehrgeiz, analytisch aus einer Partitur etwas herauszulesen, das könnte ich auch gar nicht. Mir gefällt etwas oder nicht, denn jede Musik ist eigentlich eine Unverschämtheit.

tip Eine Unverschämtheit?
Klaus Maria Brandauer Naja, weil Sie sie ganz unterschiedlich interpretieren können, eigentlich ganz so wie Sie wollen, und jedes Mal anders. Beim Drama haben Sie einen viel festeren Guide und müssen sich immer wieder an den gedanklichen Wegmarken orientieren. Und natürlich bringt man als Schauspieler auch immer seine ­eigene Ordnung mit.

tip Wir haben vor Jahren einmal einen Abend im selben Wiener Beisl verbracht. Sie aßen damals ein Gulasch, das Sie sich selber von zuhause mitgebracht hatten. Ein vergleichbarer Fall?
Klaus Maria Brandauer Ja! Man bringt sich als Künstler immer das Gulasch, das man essen will, selber mit. In der Londoner Uraufführung durfte ich Englisch sprechen. Eine sehr schöne Distanz, denn da hatte ich die Möglichkeit, das Künstliche noch einmal zu verdoppeln. Jetzt auf Deutsch wird es nochmal ganz anders.

tip Der Komponist Georg Friedrich Haas, ­Österreicher wie Sie, bekannte sich kürzlich zu den Freuden des Sadomasochismus mit seiner Ehefrau. Ist das im Stück zu merken?
Klaus Maria Brandauer Nein, das ist es nicht, zumindest nicht für mich. Und außerdem: Ich bin sehr dafür, dass private Dinge auch privat bleiben. Was mich viel mehr interessiert ist, warum jemand in Vorarlberg aufwächst und zu solcher Musik gelangt? (Anm.: Haas wuchs in Tschagguns auf.) Ein kleiner, dumpfer Ort mit einer Sparkasse, wo man sich das dann schön trinkt und isst. Nichts dagegen! „Huisum, nicht Utrecht!“, sagt der Dorfrichter Adam.

tip Sie haben ein ausgeprägtes Protagonisten-Charisma…
Klaus Maria Brandauer „Rampensau“, meinen Sie. Das ist das Gegenteil von dem, was ich gerne sein möchte! Mir geht es darum, dass man nichts macht, sondern etwas ist. Der Regisseur Fritz Kortner hat mir, als ich als 20-Jähriger mit ihm zusammenarbeiten durfte, ins Gesicht gesagt: „Sie wollen immer wirrrken… was gut ist. Lassen Sie’s weg.“

tip Sie stammen aus Altaussee, dem Burgthea­ter-Urlaubsort schlechthin. Lassen Sie sich im Sommer dort überhaupt noch blicken?
Klaus Maria Brandauer Auf jeden Fall. Außer Hans Neuenfels, einem Lebensmenschen von mir, lässt sich da kaum noch jemand sehen. Und mit Neuenfels bin ich jetzt auch schon 25 Jahre lang verkracht. Ich habe längst vergessen warum, und er sicher auch.

tip Was muss ein guter Regisseur für Sie ­können?
Klaus Maria Brandauer Er muss Architekt, Komplize, Besserwisser und liebender Überschätzer des Schauspielers sein. Kortner habe ich einmal eine Szene vorgespielt, als ich zufällig betrunken war. Er war begeistert. Da realisierte ich: „Um Gottes ­Willen, morgen müssen wir die Szene ja ­wiederholen!“ Anschließend kam Kortner zu mir und flüsterte ganz ernst: „Beim ersten Mal war’s besser.“ Mein Lehrmeister! Und jetzt kommt das ganze heutige Theater, wo alles Optik ist und jeder ein Mikroport trägt… Aber damit meine ich nicht Frank Castorf, von dem habe ich viele großartige Sachen gesehen, zum Beispiel „Forever Young“, „Schuld und Sühne“ und zuletzt „Judith“.

tip In London hat einmal Königin Elizabeth II. eine Probe von Ihnen besucht. Wie das?
Klaus Maria Brandauer Jemand rief an und fragte, ob ich etwas dagegen hätte. Und war empört, als ich ganz einfach zustimmte. Man erwartet mehr Begeisterung dort! Die Königin kam mit zwei Begleiterinnen – mit Hüten wie Wagenrädern – und setzte sich ganz still in den Zuschauerraum. Auf ­einmal war sie weg. Da öffnete sich der ­Bühnen-Boden, und die Queen mit ihren ­Begleiterinnen erschien aus der Versenkung. Ich konnte nur noch sagen: „Eigentlich ist das ein Stück für zwei, nicht für fünf Personen. Umschreiben wäre kein Problem…“

interview: Kai Luehrs-Kaiser

Foto: Clive Barda 2015

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