Theater

„Kleinbürger“ am Deutschen Theater

Arno Declair

In Maxim Gorkis Erstling „Kleinbürger“ von 1902 hat der ewige Student Pjotr in der elterlichen Wohnung einen klaustrophobischen Anfall: „All diese vorsintflutlichen Möbel wachsen gleichsam aus dem Boden, sie nehmen die Luft weg.“ Jette Steckel hat in ihrer Inszenierung am Deutschen Theater nicht nur diese Sätze, sondern auch gleich die schweren Möbel gestrichen. Die russischen Kleinbürger und ihre unzufriedenen Kinder hat es auf eine leere Bühne verschlagen, auf der neben ein paar Stühlen nur eine riesige Statue mit dem Rücken zum Publikum huldvoll gegen den weißen Rundhorizont winkt (Bühne: Rufus Didwiszus).

Ob es sich um das Standbild eines der heroischen Sowjetführer handelt, die ein paar Jahre nach der Uraufführung des Stücks Russlands Groß-, Klein- und sonstige Bürger das Fürchten lehrten, oder nur um den zum Popanz vergrößerten Familienvater, ist eines der vielen Rätsel, die die nicht unsympathische, aber etwas konfuse Inszenierung ungelöst lässt.

Aus den Figuren der vorletzten Jahrhundertwende sind mehr oder weniger Leute von heute geworden. Schon der übliche Postrock-Soundtrack signalisiert Zeitgenossenschaft. Die vorrevolutionäre Unzufriedenheit der Jungen ist zum Ennui wohlstandsverwöhnter, nicht recht erwachsen gewordener Endzwanziger geschrumpft, die ziellos ihr Leben vertrödeln. Die Regie rettet sie sich in mal nette, mal öde Mätzchen und lässt die Schauspieler in Filmeinpielungen durch die Stadt laufen, reizend aus alten Pubertätstagebüchern vorlesen oder in der Küche darüber räsonieren, was wohl der Vater in der bayerischen Provinz davon hält, dass der Sohn jetzt in Berlin Theater spielt. So weit, so harmlos.

Arno DeclairNatalia Seelig als Kleinbürger-Tochter und Ole Lagerpusch als ihr fader Bruder Pjotr turnen sich durch ihr aufgeregtes Liebes- und Lebensdurcheinander. Barbara Schnitzler und Helmut Mooshammer machen die armen Kleinbürger-Eltern zu Spießerkarikaturen, sodass man sich unwillkürlich fragt, was eigentlich unsympathischer ist: Die spießige Enge oder die Selbstgerechtigkeit, mit der die braven Bürgersleute dem Spießerklischee zum Fraß vorgeworfen werden. Eine Freude ist Katrin Wichmann als Untermieterin Jelena, in die sich der Klemmi Pjotr völlig zu Recht verliebt, ein Gefühl, das Jelena erstaunlicherweise erwidert. Sage keiner, im Theater gäbe es keine Wunder.

Gerade als sich die Relevanzwerte der Veranstaltung bedrohlich der Null-Linie nähern, erlebt sie einen Moment der Wahrheit, der es in sich hat. Felix Goeser, ein massiger, kraftvoller Schauspieler, hält als proletarischer Adoptivsohn der Kleinbürger-Eltern eine kleine Revoluzzer-Rede ins Publikum, die zwanglos von Gorki zur Gegenwart switcht. Ein Grund zum Schimpfen findet sich ja immer, warum dann nicht mal von der Bühne herab unverbindlich zu Demonstrationen und Krawall aufrufen. Lustigerweise hält der Subventionstheaterrevolutionär sein Lamento für schwer subversiv, zumindest tut er hinterhältigerweise so, und fordert das gutbürgerliche Publikum im Saal auf, sich zu erheben. „Sagen Sie: Ich werde das alles nicht länger hinnehmen, die Dinge müssen sich ändern.“ Was dann einige Herren im Anzug und kultivierte Damen jenseits der 50 auch prompt mit Begeisterung tun. Da stehen sie dann im plüschigen Zuschauerraum des Deutschen Theaters, spielen Mittelschichts-APO und rufen, dass die Dinge sich ändern müssen. Ob die Parkett-Protestler damit ihr sicheres Einkommen, die Welt als solche oder nur ihre Ehe meinen, wissen sie vermutlich selber nicht so genau. Hier ist der Wutbürger bei sich selber angekommen. Kein schöner Anblick.

Text: Peter Laudenbach

Fotos: Arno Declair

tip-Bewertung: Annehmbar

Kleinbürger Deutsches Theater, Sa 28.5., 18.30 Uhr, Di 31.5., Mo 6.6., 20.00 Uhr

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