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Kleinkunst beim Theatertreffen: „Alle Toten fliegen hoch“

Alle Toten fliegen hochBeim Theatertreffen sollen, nur mal so zur Erinnerung an die Spielregeln, die „10 bedeutendsten Inszenierungen“ der Spielzeit aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zu sehen sein. So eine „bedeutende“, nämlich intelligente, schauspielerisch hochkonzentrierte, thematisch spröde, berührende und politisch wichtige Arbeit ist Jossi Wielers Inszenierung von Elfriede Jelineks „Rechnitz (Der Würgeengel“) aus den Münchner Kammerspielen, die vor einigen Tagen im HAU gastierte, wir haben im TIP darüber berichtet. Dass diese Inszenierung nicht zum Theatertreffen eingeladen wurde, diskreditiert das Festival und ist eine Blamage für die offenbar etwas verwirrte Auswahl-Jury.

Das Kontrastprogramm dazu ist ein netter, amüsanter Kleinkunstabend aus dem Wiener Burgtheater, in dem der Schauspieler Joachim Meyerhoff munter aus seinem Leben erzählt („Alle Toten fliegen hoch 1-3“). Diesen charmanten Scherzartikel hat die rätselhafte Jury eingeladen. Dass den Juroren der Jury Wielers Inszenierung offenbar zu kompliziert war, ist schade (vor allem für die Jury). Alle Toten fliegen hochAber dass sie diesem Theaterkunstwerk das lustig-überdrehte Ego-Kabarett von Meyerhoff vorzieht, verschiebt die Maßstäbe auf eine groteske Weise. Meyerhoff, ein durchaus begabter Schauspieler, erzählt gemütlich im Sessel auf der Bühne sitzend, wie es so als Austauschschüler in den USA war, damals mit 16, (erster Teil des Abends, neunzig Minuten). Er erzählt pointenselig von seiner Jugend in Schleswig und von der Psychiatrie, in der sein Vater Chefarzt war. Und wieder schnurrt alles zur harmlos-absurden Anekdote zusammen (zweiter Teil das Abends, noch mal 90 Minuten). Im dritten Teil (wieder 90 Minuten) lernen wir dann seine Großeltern und ihren munter durchalkoholisierten Tagesablauf in ihrer Münchner Villa kennen. Nach 5 Stunden ist der Spaß vorbei und das Theatertreffen hat auf der nach oben offenen Irrelevanz-Skala eine neue Rekordmarke erreicht.

Text: Peter Laudenbach
Fotos:
Reinhard Werner/Burgtheater

Alle Toten fliegen hoch
im Maxim Gorki Theater

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KLAMOTTE: „DER PROZESS“

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