• Kultur
  • Theater
  • Kleists „Zerbrochener Krug“ mit Edgar Selge im Gorki

Theater

Kleists „Zerbrochener Krug“ mit Edgar Selge im Gorki

Der_Zerbrochene_Krug_im_Gorki_TheaterDen klumpfüßigen Provinzjuristen Adam, der in Heinrich von Kleists „Zerbrochnem Krug“ bei einem Missbrauchsversuch überrascht wird, kennt man ziemlich gut als dröhnenden Macho. Darsteller des unerkannt vom Tatort geflüchteten Advokaten, der am nächsten Morgen selbst mit der Aufklärung des Falles betraut wird, thronen – nach dem amtlich überlieferten Vorbild von Emil Jannings – gern breitbeinig auf Ledersesseln und streicheln sich den Wohlstandsbauch unter der Amtsrobe.
Edgar Selge, der den Dorfrichter jetzt am Maxim Gorki Theater spielen wird, fehlt für eine derartige Darstellungsweise nicht nur der Bauch. Vor vier Jahren lief die Kleist-Inszenierung, die der Regisseur Jan Bosse nun für Berlin adaptiert hat, bereits mit großem Erfolg in Zürich. Und Edgar Selge erzählt bestens gelaunt von dem Kommentar, mit dem ihn sein fachkundiger Cousin, ein Germanis­tikprofessor im besten Bildungs­bürgeralter, damals nach einer Vorstellung empfing: „Deine Frau“ – die mit Selge verheiratete Schauspielerin Franziska Walser, die die Mutter des Missbrauchsopfers spielt – „war ja wunderbar! So direkt!“ Nach einer kurzen Pause setzte der Professor gleichsam schulterklopfend nach: „Aber beim Dorfrichter Adam stellt man sich halt den Jannings vor. Da bist du einfach fehlbesetzt, viel zu spillerig. Bei dir merke ich immer, wie du so’n bisschen überlegst. Das wird dann so intellektuell!“

Der_Zerbrochene_Krug_im_Gorki_TheaterBei Lichte besehen hat der Cousin, auch, wenn es anders gemeint war, Edgar Selge das ultimative Kompliment gemacht. Denn tatsächlich gehört der 1948 im sauerländischen Brilon geborene Schauspieler zu den wenigen, bei denen man bis in die letzte Minute und Körper­faser hinein konzentriert im Theatersessel sitzt, weil sie einem eine Figur, die man in- und auswendig zu kennen glaubt, plötzlich aus einer überraschen­den Perspektive zeigen. Wenn Selge auftritt, hat man immer das Gefühl, einem klugen Schauspieler beim Denken zusehen zu dürfen. Und zwar nicht nur in der Intellektuellenrolle par excellence, Goethes „Faust“ am Hamburger Schauspielhaus, sondern auch bei den weltliterarischen Unsympathen. Viele Schauspieler führen Karrieristen wie den Staatschef Claudius aus „Hamlet“, der sich sein Amt via Brudermord erschlichen hat, oder Jago, der sich wegen einer Nichtbeförderung an „Othello“ rächt, einfach brillant vor – und halten sie sich (und dem Publikum) dadurch letztlich virtuos vom Leib. Bei Selge hingegen hat man nie den Eindruck, er habe schon im Vorfeld über die Jagos, Claudiusse und Advokaten-Adams zu Gericht gesessen. „Man muss die Figur, die man spielt, zunächst mal vor einer Denunziation schützen und versuchen, Urteile – auch moralische – zurückzunehmen, um den Raum so groß wie möglich zu machen“, sagt der Schauspieler. Dass das, was so einfach klingt, de facto harte Arbeit ist, spürt man spätestens, wenn einem Selges hochkomplexe Charaktere mit ihren Beschädigungen und Schmerzpunkten näher rücken, als einem im Grunde lieb sein kann; intellektuell wie emotional.

Nicht zufällig sind die meis­ten dieser Theatercharaktere in den letzten Jahren aus der Zusammenarbeit mit dem Regisseur Jan Bosse entstanden. „Der Vorschlag eines Kollegen“, denkt Edgar Selge laut über seine Arbeit nach, „kann einen binnen von Sekunden total verändern. Andere wahrzunehmen und auf sie zu reagieren, statt ständig nur mit der Gestaltung der eigenen Rolle beschäftigt zu sein“, sei das Spannendste und Lustvollste an seinem Beruf überhaupt. In Bosse hat er einen Regisseur gefunden, der dieses „Spielfeld der Wechselwirkungen“ besonders gut zulassen kann. „Jan hat überhaupt keine Angst vorm Chaos oder davor, dass etwas, was er sich vorgestellt hat, plötzlich ins Wanken geraten könnte“, sagt Selge. „Er ist ein absolut gern Suchender: Alles, was man auf dieses Schiff heraufladen kann, das da gerade unterwegs ist, ist ihm recht!“
Theater hat Edgar Selge schon als Kind gespielt – in der Laienspielgruppe der örtlichen Strafvollzugsanstalt. Sein Vater war Gefängnisdirektor. Und da Frauen in der Truppe leidlich unterrepräsentiert waren, wurde „der Sohn vom Chef“ im zarten Vor-Stimmbruchsalter gern fürs komplette weibliche Rollenfach gebucht. Dieser „Zusammenhang zwischen Gefängnis, Musik, bürgerlicher Kultur und auch einigen traumatischen Erziehungserlebnissen“ habe ihn sehr geprägt, bekennt der Schauspieler offen, der klassisches Klavier, Philosophie und Germanistik studierte, bevor er sich an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule zum Schauspieler ausbilden ließ. „Das hat viel mit Schrecktraumata zu tun, die mich mein Leben lang begleitet haben; mit Überfahrenwerden von Autorität“.

Der_Zerbrochene_Krug_im_Gorki_TheaterVielleicht folgerichtig, dass Selge 1968 eine politische Thea­tergruppe mitbegründete: Das „Theater in der Marktlücke“ reüssierte anlässlich der Notstandsgesetze mit einem Stück über die zunehmende Anpassungsfreude der SPD („Roter Schummel“). Bald wollte Selge in seinem Beruf aber „mehr über sich erfahren“ statt Figuren ausschließlich aus der ver­gleichs­weise zementierten Perspektive als soziale Akteure darzustellen. Er ging nach einer Zwischenstation am Berliner Schillertheater 1979 an die Münch­ner Kammerspiele, wo er fast 20 Jahre lang festes Ensemblemitglied war.
Dass er das Haus irgendwann verließ, hat mit Selges weiser Einsicht in künstlerische Halbwertzeiten zu tun: „Wenn ich in eine Kantine komme, wo die Schauspieler anfangen, über alte Zeiten und Inszenierungen zu sprechen, kriege ich sofort brennende Fußsohlen!“, ruft er. „Diesen Ort möchte ich verlassen wie die Ratte das sinkende Schiff!“ Auch vom einarmigen Münchner „Polizeiruf“-Kommissar Tauber, der im Gegensatz zu seinen massenhaft über coole Underground- und volksnahe Eckkneipenkenntnisse verfügen­den TV-Kollegen durch eine großartige autistische Mürrischkeit und latente Angststörung zum Sympathieträger wurde, verabschiedete sich Selge letztes Jahr. „Vielleicht war es ja voreilig“, lacht er, „aber ich wollte keine Altersversorgung haben. Es muss doch noch etwas kommen im Leben!“

Zum Beispiel Berlin. Gerade hat Edgar Selge, ein lange gehegter Plan, eine Wohnung im Bötzowviertel gemietet und erkundigt sich beim Interview schon mal nach den schnellsten Fahrradrouten zu Gorki, Volksbühne und DT. Tatsächlich gehört er zu den Schauspielern, die man auch als Zuschauer sehr oft im Theater sieht. Und es macht großen Spaß, ihn über Frank Castorfs „Idioten“, die „tolle Energie des Rededurchfalls“ bei Renй Pollesch oder Thomas Ostermeiers Ibsen-Arbeiten schwärmen zu hören, weil sich hier mit jeder Silbe ein wohltuend wacher Künstler artikuliert, den auch Ästhetiken und Lebenszusammenhänge jen­seits seiner eigenen interessieren.

Text: Christine Wahl
Fotos: Leonard Zubler

Termine: Der zerbrochne Krug
im Maxim Gorki Theater

Mehr über Cookies erfahren