Theater

„Kölner Affäre“ von Alvis Hermanis im HAU

Kölner AffäreDer lettische Regisseur Alvis Hermanis macht aus Alltäglichem leise leuchtende
Theaterliturgien. Er lässt Schauspieler von ihren Vätern berichten oder stumm zu den Songs von Simon and Garfunkel Hippie-Alltag spielen. Beide Abende, „Väter“ und „Sound of Silence“, waren bereits in Berlin zu sehen. Nun gastiert Hermanis mit der „Kölner Affäre“ im HAU, einer Aufführung aus dem Schauspiel Köln, die vier berührende, kuriose, erschreckende, komische Lebensgeschichten – ja, was eigentlich – erzählt? Zeigt? Nachspielt?

Die ein­zige thematische Klammer heißt Köln, dort leben die vier Protagonisten. Gefunden haben sie die Schauspieler, Hermanis schickte sie auf Personensuche, irgendwohin, ins Museum, auf die Straße. War ein Partner – das Material – gefunden, wurde es monatelang begleitet und befragt. Bis aus Menschen Theaterfiguren wurden.
So stehen sie mit ihrer Geschichte auf der Bühne, verkörpert von Schauspielern.
Mit einer Ausnahme: Der Lette Juris Baratinskis sei er selber, versichert er. So spielt der Abend permanent mit Sein und Schein. Vor allem aber geht es Hermanis um den Beweis seiner Untertitelthese: „Vom Leben eines einzelnen, gemeinen Menschen zu erzählen, ist mehr wert als der ganze Goethe.“

Die Lebensläufe haben Tragödien- und Komödienpotenzial für gleich vier Fünfakter. Da ist Fremdenführerin Hanna im übergroßen Pulli, die nur noch allein wohnen will,
seit die Liebe sie enttäuscht hat, und die mit dem Keyboard einen Klavierspielkomplex bekämpft. Konditorin Nastasja mit der marzipanrosafarbenen Hornbrille kriegt zwar die tollsten Torten, nur nicht ihr Privatleben gebacken, und gab ihren Sohn zu Pflegeeltern. Der etwas kumpelige Schnauzbarttaxifahrer Foxi hat dem so ausschweifenden wie zwie­lich­tigen Nachtleben nicht nur drei Jahre Knasterfahrung, sondern auch einen unehelichen Sohn zu verdanken, den er aber nur von Fotos kennt. Und Immigrantenhüne Juris floh vorm KGB in die Scheinehe nach Köln mit zwei Koffern Kaviar und Zigarren und wollte, obwohl er eigentlich einen recht vertrauenswürdigen Eindruck macht, schon mal seinen von ihm getrennten Sohn kidnappen.

Mit faszinierendem Imitier-Rea­lismus anverwandeln sich die Schau­spieler die fremden Exis­tenzen: ihre Biografien, Gefühle, Eigenarten. In ihrer detailgetreu nach­gebauten Einbauküche rutscht die patente Hanna alias Julia Wieninger unruhig hin und her. Ilknur Bahadir als schüchterne Nastasja steht kurzatmig in ihrer Filmkulissen- Backstube. Und Markus Johns Foxi stolpert im ranzigen Taxi­büro durch seine Erinnerungen: „Is so, ne?“
Drei Stunden: Reden und Requisiten. Und alles mit dem Prädikat „wirkliche Begebenheit“. So reizt Hermanis unseren Doku-Soap-Voyeurismus – und irritiert
ihn gleichzeitig.

Text: Vasco Boenisch

Foto: Claus Lefebvre

Kölner Affäere

HAU 2, Hallesches Ufer 32, Kreuzberg,

Sa 14. bis Mo 16.3., 20 Uhr

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