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„Kredit“ + „Recht“ im HAU2

Es gibt da eine rote Ledermappe. Man hätte die sehr gerne. Denn die Mappe scheint gewichtige Antworten zu enthalten. Auf Fragen danach, was so weltbewegende Systeme wie das Finanz- und das Rechtssystem im Innersten zusammenhält.
Zumindest taucht die Mappe in den ersten zwei Teilen der Trilogie „Ökonomien des Handelns“ des Künstler-Duos Daniel Kötter und Hannes Seidl immer wieder auf. Frankfurter Banker übergeben sie im ersten Teil „Kredit“ von einem Kollegen zum nächsten. Juristen vertrauen ihr am Ende des zweiten Teils „Recht“ ihre Skizze einer neuen, globalen Rechtsordnung an. Und dann taucht sie plötzlich auch auf der Bühne auf und liegt inmitten der Szene. Zum Greifen nah.
Kötter und Seidl machen sich in den jetzt bei der Maerz Musik gezeigten Arbeiten auf die Suche nach Prinzipien im Finanz- und Rechtswesen, die unser alltägliches Handeln bestimmen. Das scheint für einen Experimentalfilmer und einen Komponisten schon deswegen ambitioniert, weil beide Systeme weder Bild noch Ton als Material produzieren. Deshalb suchten sie Kontakt zu den Protagonisten.
Für „Kredit“ filmten sie Banker in ihrem Tagesablauf, ohne dass diese sehr erpicht darauf waren, tiefe Einblicke ins Geschäft zu geben. Was der Film daher zeigt, ist eine Art gelooptes „Sie müssen leider draußen bleiben“. Banker laufen aus dem Büro zu Verabredungen, über Gänge zu Meetings. Auf der Bühne begleitet wird der Stummfilm von einer Klangcollage aus Geräuschemachern, Synchronsprechern und Musikern. Die Vertonung fiktionalisiert dabei das vermeintlich dokumentarische Geschehen und verweist formal auf die Brüche im Kreditsystem : Auch dieses funktioniert nur, wenn man Dissonanzen ausblendet und daran glaubt.
Auch in „Recht“ arbeiten Kötter und Seidl mit dieser Verschränkung ästhetisch-formaler Abläufe mit inhaltlichen Bezügen. Das macht bei aller Komplexität viel Freude, etwa wenn man den zehn Juristen dabei zusieht, wie sie auf einer Schengener Moselinsel in einer Art Mission Imposssible innerhalb von 24 Stunden Sekt trinkend die Rechtsordnung globalisieren. Oder wenn sich der Chor der Deutschen Bundesbank mit seinen live vorgetragenen Chorälen immer neue Glaubensbekenntnisse abtrotzt. Abstrakte Mechanismen der untersuchten Systeme werden dabei plötzlich sehr konkret. Man darf sich also schon auf den dritten Teil zur „Liebe“ freuen. Und sollte spätestens dann einen Weg finden, die rote Mappe zu klauen.  

Text: Sabine Schouten

Foto: Seidl / Kötter

Ökonomien des Handelns

Kredit, Do 26.03. + Fr 27.03., 19 Uhr + Recht, Do 26.03. + Fr 27.03., 21 Uhr, beide HAU 2, Karten-Tel. 25 90 04 27

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