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Krieg ist ein gutes Geschäft

Hans-Werner Kroesinger

Hans-Werner Kroesinger, 52, ist einer der wichtigsten Regisseure des Dokumentartheaters. Seine Inszenierungen zeichnet eine faktensatte Informationsdichte und immer wieder hohes Irritationspotenzial aus.

tip Deutschland versteht sich als friedliebendes Land, das die Bundeswehr höchstens aus humanitären Gründen in Auslandseinsätze schickt. Weshalb attestieren Sie der Bundesrepublik, den Krieg zu exportieren?
Hans-Werner Kroesinger?Angela Merkel hat vor einigen Monaten den schönen Satz gesagt, wenn Deutschland keine Soldaten schicken wolle, müsste man stattdessen Waffen exportieren. Das hat sich auf die kurdischen Peschmerga bezogen, die gegen den Islamischen Staat kämpfen. Deutschland hat lange die Ausfuhr von Waffen in Krisengebiete relativ restriktiv kontrolliert. Das ändert sich seit den 90er-Jahren. Nach dem Ende des Kalten Krieges brauchten die Rüstungs­unternehmen neue Absatzmärkte. Um die alten Waffen der DDR, die Ausrüstung der NVA, zu entsorgen, hat man sie teilweise an befreundete und neutrale Staaten verschenkt. Helmut Schmidt sagt in einem Interview ganz offen, dass man damit auch Kontakte gepflegt hat. Die sind für spätere Waffenlieferungen hilfreich.

tip Es ging um Exportförderung?
Hans-Werner Kroesinger Die Rüstungsindustrie ist natürlich ein Wirtschaftsfaktor. An der Branche hängen etwa 316?000 Arbeitsplätze in Deutschland, das sind Milliardenumsätze. Ein einziger Leopard-II-Panzer kostet rund zehn Millionen Euro. Wenn Saudi-Arabien 270 Leopard II bestellt, kann man sich ja ausrechnen, wie groß das Auftragsvolumen ist. Neue Waffensysteme, die sich im Einsatz bewährt haben, nennt man battle-prooved. Der erfolgreiche Einsatz in einem militärischen Konflikt ist für den Hersteller des Waffensystems als Testfall und für das Marketing interessant. Das sind Hightech-Unternehmen, es geht immer auch um Technologief­ührerschaft und Wettbewerbs­fähigkeit. Der Verband der Deutschen Rüstungsindustrie spricht gerne von „Quality made in Germany“. Deutschland ist der dritt­größte Waffenexporteur, nach den USA und Russland. Die deutsche Rüstungsindustrie hat einen Weltmarktanteil von sieben Prozent.

tip Weshalb untersuchen Sie in Ihrem Stück vor allem die deutsche Firma Heckler & Koch, weltweit einer der führenden Hersteller von Schnellfeuerwaffen?
Hans-Werner Kroesinger Pistolen und Gewehre, nicht Panzer oder Drohnen sind laut Kofi Annan die Waffen, die Jahr für Jahr die meisten Menschen umbringen. Durch Kleinwaffen wurden mehr Menschen getötet als durch die Atombombe. Sie sind statistisch die tödlichsten Produkte der gesamten Rüstungsindustrie. Es gibt Schätzungen, dass alle 14 Minuten ein Mensch mit einer Waffe von Heckler & Koch erschossen wird.

tip Gilt für den Export der Schnellfeuerwaffen von Heckler & Koch das übliche Legitimations-Argument, die Waffen dienten nur der Abschreckung und damit dem Frieden?
Hans-Werner Kroesinger Nein. Diese Waffen werden gekauft, um sie einzusetzen.

tip Jetzt kommt die Standardfrage in jedem Interview mit Ihnen: Wie machen Sie diesen nicht ganz unkomplizierten Stoff, zu dem Sie jede Menge Fakten recherchiert haben, zu Theater?
Hans-Werner Kroesinger Das ist im Moment die große Frage, wir arbeiten ja noch daran. Wir wollen das mit einem verwandten Thema kombinieren, dem Krieg der Zukunft. Derzeit wird an Waffen­systemen gearbeitet, die keine Soldaten mehr auf dem Schlachtfeld brauchen. Vielleicht treffen dann die Drohnen selbst die Entscheidung, auf welche Ziele sie schießen. Sie werden dann nicht von Menschen, sondern von Algorithmen gesteuert, so wie heute schon die Computer-Trans­aktionen im Hochfrequenz-Börsenhandel. Das ist theatralisch, zum Beispiel auch im Verhältnis dessen, was man von diesen neuen Kriegen zu sehen bekommt und was unsichtbar bleibt. Unsere Bühne besteht aus permanent verschiebbaren Elementen, es entstehen immer neue Räume, in denen sich die Spieler bewegen. Man sieht nicht alles. Vielleicht entsteht so eine Vorstellung von den Kriegen der Zukunft.

tip Ist das auch deshalb theatralisch interessant, weil die Rüstungsunternehmen ihrerseits penibel auf Bilder und ihre Wirkung achten?
Hans-Werner Kroesinger Wenn man sich die Prospekte und Internet­seiten der Rüstungsunternehmen ansieht, wird man nie Bilder von Toten sehen. Es geht in der PR-Sprache nicht um erschossene Menschen, sondern um „weiche Ziele“. Zur Selbstdarstellung benutzen die Unternehmen eine Hochglanzästhetik wie in Modemagazinen oder in Autowerbung. Sie geben sich große Mühe, die Folgen des professionellen Einsatzes ihrer Produkte, ihren einzigen Zweck, unsichtbar zu machen. Sich damit zu beschäftigen, finde ich für Theater sehr ergiebig.

Interview: Peter Laudenbach

Foto: David Baltzer/ bildbuehne.de

Exporting War HAU1, 3.+4., 8.–10.12., 20 Uhr, 13.12., 19 Uhr, ?14., 16.+17., 19.+20.12., 20 Uhr, ?Karten-Tel. 25 90 04 27

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