Theater

Krise im Nahen Osten im HAU

DreizehnDreiDreizehn„Ich denke oft daran, wie die Menschheit wäre, wenn sie nachts leben würde. Wenn sie das blind machende Licht unserer Tage verschlafen hätte. Vielleicht wären wir empfänglicher für Liebe.“ Diese Gedanken notierte die libanesisch-amerikanische Schriftstellerin Etel Adnan. Das HAU widmet ihrem Werk und den gesellschaftlichen Umbrüchen im Nahen Osten im Juni einen Themenschwerpunkt unter dem Titel: „Den eigenen Blick unbewohnbar machen.“ Die poetischen Texte der 88-jährigen Grand Dame der Nahost-Literatur, die im HAU einen Vortrag halten wird, sind eine Auseinandersetzung mit Krieg, Gewalt und Kolonialismus, die sich einfachen Erklärungen verweigern. 1925 als Tochter einer christlich-orthodoxen Griechin und eines muslimischen Syrers in Beirut geboren, lebt die Kosmopolitin in Kalifornien, Paris und Beirut.

„Sie beschreibt das Dunkle und das Helle in uns Menschen, und dass es da einen Kampf in uns gibt, der niemals entschieden sein wird, täglich zu entscheiden ist. Das macht für mich die Faszination ihrer Texte aus“, erklärt die Schauspielerin Corinna Harfouch. „Am Ende sind es ja immer große Texte, Weltbetrachtungen. Die geheimnisvollen Räume, die sich in ihrer Sprache auftun, haben uns dazu gebracht, einen Theaterabend daraus zu machen.“
Gelesen hat Corinna Harfouch Etel Adnans Texte im letzten Jahr häufiger. Jetzt inszeniert sie gemeinsam mit dem Dramaturgen Frank Raddatz das Stück „Dreizehn Drei Dreizehn“ (Foto) im HAU. Ausgangspunkt ist „In einer Kriegszeit leben“, Etel Adnans verstörende Erzählung in Infinitiven, in der sie ihre Ohnmacht und ihr Leiden nach Beginn des Zweiten Irakkriegs 2003 festhält.
Umgeben von amerikanischem Alltag und Patriotismus, mitten in einer medialen Informationsflut, die letztlich Gleichgültigkeit produziert. Eine Tanz-Choreografie stellt den gesprochenen Text in Zusammenhang mit der westlichen Moderne, die 1913 mit den Fließbändern von Henry Ford beginnt: „Geschichte ist nicht nur als Politik erfahrbar“, erklärt Frank Raddatz, „sondern auch als Geschichte der Effizienz und der Beschleunigung, als westlicher Zivilisationstypus.“ Dass es der Inszenierung nicht darum geht, sich Adnans Perspektive anzueignen, macht auch Harfouch klar: „Wir sind nicht in diesem arabischen Raum zu Hause. Wir haben Befürchtungen, und die betreffen uns. Aber was bedeutet es, mit diesen Informationen konfrontiert zu werden, jeden Tag?“

Ähnlich vorsichtig nähert sich auch die französische Historikerin und Tänzerin Sandra Ichй mit „Wagon Libres“ dem ehemals französisch kolonisierten Libanon an. Sie beschäftigt sich mit dem inzwischen eingestellten Beiruter Magazin „L’Orient-Express“. Dessen Gründer, der linke Intellektuelle Samir Kassir, wurde 2005 durch eine Autobombe ermordet. Ichй befragt die ehemaligen Mitarbeiter des Magazins – nicht nach der Vergangenheit, sondern nach einer fiktiven Wirklichkeit des Libanons im Jahr 2030. 

Text: Anja Quickert 
Foto: Anne Zacho

Den eigenen Blick unbewohnbar machen
HAU, 5.–9.6.,
Karten-Tel. 25 90 04 27,

Theater und Bühne in Berlin

 

Mehr über Cookies erfahren