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„Warten auf Godot“ am ?Deutschen Theater

Am Ende, das natürlich kein Ende ist, das irgendetwas zu einem Abschluss bringen würde, stehen Wladimir und Estragon auf der leeren Bühne. Zwischen ihnen gähnt ein großer, kreisrunder Krater, der sie vermutlich irgendwann wie der Hades verschlingen wird. Gut zwei Stunden haben sie versucht, sich aus dem Abgrund zu halten, mit nicht viel mehr als einer vagen Hoffnung, dass ein gewisser Herr Godot irgendwann kommen und sie erlösen würde, mit alten Scherzen wie zwei abgehalfterte Vaudeville-Clowns oder heruntergekommene Bürger, der eine im viel zu großen Anzug, der andere mit zu kurzer Hose. Ihr Wissen, dass ihr Warten vielleicht sinnlos, aber auch ihre einzige Möglichkeit ist, hilft ihnen auch nicht weiter. Jetzt stehen sie da, eigentlich könnten sie gehen, weg von dieser Einöde, einem ansteigenden, dunklen Podest unter einem einsamen Suchscheinwerfer, der manchmal wie ein geduldiger Geier auf der Suche nach einer Beute seinen Lichtkegel über das Gelände streifen lässt (Bühne: Mark Lammert). Herr Godot wird heute wieder mal nicht kommen. Aber natürlich können Wladimir und Estragon nicht gehen. Wohin auch.
In Wirklichkeit warten sie nicht erst die Stunden seit Vorstellungsbeginn, sondern ihr ganzes Bühnenleben, gut 60 Jahre, auf Herrn Godot. Und die Aussichten stehen gut (oder, je nach Perspektive: schlecht), dass das noch einige Jahrhunderte so weitergehen könnte. Am Deutschen Theater durften wir ihnen mal wieder dabei zuschauen – von Zeit zu Zeit sieht man die Alten gern. Ivan ­Panteleev hat Samuel Becketts Klassiker des sinnlosen Lebens „Warten auf Godot“ von 1952 inszeniert – und er und Wolfram Koch (Estragon), Samuel Finzi (Wladimir), Andreas Döhler (der Sklave Lucky) und Christian Grashof (Pozzo, Luckys Herr) haben das so leicht, virtuos und klug gemacht, dass man das Stück, das das moderne Theater für immer verändert hat, wie zum ersten Mal sieht. Und nicht wie den berühmten Klassiker aus dem Fundus, der zwecks Klassikerpflege noch einmal hervorgeholt wird.
Die Poesie, die Schönheit, der Schmerz des Stückes sind, bei aller Leichtigkeit des Spiels, in jeder Minute der Aufführung zu spüren. Bei Sätzen wie dem von den „Millionen Ermordeter“ oder bei Wladimirs Frage „Habe ich geschlafen, während die anderen litten?“ wird das sieben Jahre nach Kriegsende geschriebene Stück unmissverständlich konkret. Finzi und Koch spielen das so klar, dass man für einen Moment die Luft anhält. Andreas Döhler zeigt, wie abgestumpft und verwundet seine Lucky-Kreatur ist – und er zeigt, dass Beckett natürlich ein politischer Autor ist. ­Finzi und Koch sind gewohnt leichtfüßig hinreißend, sie halten gekonnt die Balance zwischen Komik und Schrecken (im Ernst komisch und in der Komik ernst). So geraten sie und die ganze Inszenierung keinen Augenblick in Gefahr, sich den beiden Fallen schlechter Godot-Inszenierungen, der Clowns-Falle und der Tiefsinns-Falle, zu nähern. Diese Aufführung ist etwas, was im Theater eher selten ist: ein großes Kunstwerk.    

Text: Peter Laudenbach

Foto: Arno Declair

tip-Bewertung:

„Warten auf Godot“ am ?Deutschen Theater

Termine siehe hier, Karten-Tel. 28 44 12 21

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