Theater

Kunst des Sterbens: Ars moriendo im HAU

Dieser Abend beginnt, als sei alles längst zu Ende gegangen. Wie im Museum werden auf Podesten Überbleibsel der menschlichen Zivilisation ausgestellt, vom Tonbandgerät über einen Fernseher bis zum Kränzchen aus Dynamitstangen. Beäugt, beschnuppert und betastet werden diese Artefakte von Gorillas in menschlicher Kleidung. Offenbar hat die Menschheit das Zeitliche gesegnet, und wir befinden uns auf dem Planeten der Affen. Jedenfalls müssen das die Zuhörer so lange glauben, bis eine der Mitwirkenden (Susanne Abelein) den Affenkopf abnimmt und sich als Claudia Gehrke vom Konkursbuch-Verlag und damit als höchst redefreudige Zeugin der jüngsten Geistesgeschichte darstellt, die uns bei Keksen und Diavortrag erzählt, wie das damals so war, 1983, als eine Reihe deutscher Intellektueller mit Jean Baudrillard über den Tod diskutierten: Ja, das sei so eine Zeit gewesen, wo man einfach philosophieren habe müssen, sich die Köpfe heiß reden, das ginge ja heute nicht mehr so, und hinterher habe es dann auch mal Sex gegeben…

ArsmoriendiWas ist hier eigentlich das Thema? „Ars moriendi/ Ein Musiktheater über die Kunst des Sterbens“ heißt die von Anna-Sophie Mahler inszenierte Produktion der Schweizer Dokumentartheater-Truppe CapriConnection, die nach der Premiere in der Kaserne Basel jetzt ins HAU 1 kommt. Ars moriendi, so hieß eine Reihe von Traktaten des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit, die das gute, das richtige Sterben lehren sollten. Gut sterben aber konnte nur, wer gut, nämlich gottgefällig, gelebt hatte. Die Kunst des Sterbens war eine Lehre des Lebens.
Um Sehnsucht nach dem Leben und Todesangst, aber auch um Lebensangst und Sehnsucht nach dem Tod geht es nun auch im Theater. Ausgangspunkt ist tatsächlich jene an drei Tagen im Mai 1983 über Baudrillards Buch „Der symbolische Tausch und der Tod“ abgehaltene Diskussion, die auf Tonband festgehalten wurde und im Konkursbuchverlag unter dem etwas pathetischen Titel „Der Tod der Moderne“ erschienen ist.

Vier großartige Schauspieler – Susanne Abelein, Thomas Douglas, Christian Dieterle und Cathrin Störmer – schlüpfen aus den Affenkostümen in Cordhosen, Holzfällerhemden und Philosophenrollen. Die zwischen linkem Engagement, Medienkritik und uneingelösten persönlichen Sehnsüchten schlingernden Wortmeldungen sind weitgehend original dem Band entnommen, gelegentlich durch aktuelle Äußerungen von Claudia Gehrke und Michael Rutschky ergänzt. Dass daraus kein dröges Dokumentartheater wird, dafür sorgt die implizite Komik dieser bierernsten Diskussion. Mit Baudrillard ernsthaft zu diskutieren, muss eine frustrierende Erfahrung gewesen sein. Der französische Zeichentheoretiker und Mode-Philosoph ist denn auch nur als Simulacrum präsent, nämlich in einer Videoaufzeichnung, in der er schweigend die Denkerpose einnimmt: Seine Antworten hören nur die Schauspieler selbst. Je radikaler die biederen deutschen Diskutanten auf logisch belastbare oder gar politisch verwertbare Aussagen bestehen, je verzweifelter sie sich darum bemühen, Baudrillards Begriffs-Pudding an die Wand zu nageln, desto ungerührter blickt er aus dem Fernsehapparat hinaus.

ArsmoriendiDas alles ist ausgesprochen amüsantes Diskurstheater. Was den Abend aber über eine bloß ironische Bespiegelung eines Kapitels der deutsch-französischen Theorie-Arabesken der Achtzigerjahre hinaushebt, ist die Musik. Denn der verquaste Diskursquark wird zunächst interpunktiert, zuletzt weggekehrt von der vorzüglichen Schola cantorum basiliensis unter der Leitung von Anthony Rooley. Sie beschwört mit Musik des englischen 17. Jahrhunderts eine Auseinandersetzung mit dem Tod herauf, die in der Angstlust knirschender Dissonanzen und chromatischer Reibungen eine Evidenz gewinnt, von der die Philosophie nur träumen kann. Da geht das anonyme Wiegenlied „Oh death, oh death, rock me asleep“ in den Sängermündern reihum, da bekommt im „Chorus of the Cold People“ aus Henry Purcells King Arthur zitterndes Schaudern plastische Gestalt, da treten zuletzt die Sänger auf die Bühne, angeführt von dem unerbittlich freundlichen Klerikerorganisten Ralph Stelzenmüller und mit düsterem Paukenton und unergründlichem Blick vorangetrieben von Hiram Santos, und vier Posaunisten blasen die Philosophen zur Reise nach Jerusalem, von der es keine Wiederkehr mehr gibt. Die Wirkmacht solcher vorlogischen, rituellen Formen über alles Kritisch-Räsonierende wiederzuentdecken, das freilich ist selbst ein postmoderner Zug. 

Text: Wolfgang Fuhrmann
Fotos: Susanna Drescher

Termine: Ars Moriendi
im HAU 1, 24.-27.6., 19.30 Uhr

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