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Volksbühnen-Neustart

„Kunst lebt von Veränderung“ – Gespräch mit Chris Dercon

Chris Dercon wäre in Berlin vermutlich mit wohlwollender Neugier empfangen worden, hätte er nicht ausgerechnet die Volksbühne übernommen. Nun muss er den eisigen Wind der Castorf-­Absetzung aushalten und versuchen, irgendwie ein gutes Programm auf die Beine zu stellen

Foto: FA Schaap

tip Gerade ist die Volksbühne zum Theater des Jahres gewählt worden…
Chris Dercon Ja, und wir haben durchs Haus geschickt: Team Ärgernis des Jahres gratuliert dem Team Theater des Jahres (lacht).

tip Sie eröffnen die Volksbühnen-Spielzeit mit „Fous de danse – Ganz Berlin tanzt auf Tempelhof“ von Boris Charmatz, eine Riesenveranstaltung am Flughafen Tempelhof bei freiem Eintritt. Welche Gründe hat das?
Chris Dercon Zunächst ganz praktische. Wir haben erst seit Ende August die Möglichkeit, in der Volks­bühne zu proben – so schnell hätten wir dort nicht starten können. Zweitens haben wir von Anfang an eine räumliche Alternative zur Bühne am Rosa-Luxemburg-Platz gesucht. Die haben wir mit Hilfe des Berliner Senats auf Tempelhof gefunden, ein riesiger Hangar und – für die Eröffnung – das Flugvorfeld. Ein ­offener Ort, wo für unsere Regisseure und Choreografen vieles möglich ist und nicht die klassische Trennung zwischen Bühne und Publikum existiert. Zudem ist es ein historisch hoch aufgeladener Ort, ähnlich wie der Rosa-Luxemburg-Platz – man denkt an das Nazi-Regime, das Wirtschaftswunder, die 50er- und 60er-Jahre in West-Berlin, aktuell auch an die Geflüchteten, denn geflüchtete Menschen leben in den Hangars.

tip Warum „Fous de danse“, verrückt nach Tanz?
Chris Dercon „Fous de danse“ ist der Titel einer Zeitschrift, die in den 1980er-Jahren erschienen ist und eine ganze Generation angehender Tänzer und Tänzerinnen beeinflusst hat. Boris Charmatz interessiert die Frage: Was lässt sich heute im öffentlichen Raum machen, der immer häufiger beschnitten, reguliert und überwacht wird? Er glaubt, dass es in Zukunft noch mehr auf unseren Mut ankommt, auf die öffentlichen Plätze zurückzukehren und uns – ganz wörtlich – wieder in Bewegung zu setzen. „Fous de danse“ wird ein zehnstündiges Spektakel, das auf dem Asphaltboden des Flugvorfeldes eine Tanzgemeinschaft aus Amateuren und Profis stiften will. Anne Teresa de Keersmaeker, Ruth Childs, Christopher Roman, Boris Charmatz selbst und viele andere Tänzer und Ensembles, auch aus Berlin, treten auf – zum Beispiel das BEM Folk Dance Ensemble, Tänzer*innen der Staatlichen Ballettschule Berlin, die Hip-Hop-Kids der Flying Steps Academy.

tip Das Volksbühnen-Programm startet als Teil der Berlin Art Week. Wie ist es dazu gekommen?
Chris Dercon Wir haben uns schnell gefunden. In Berlin leben ganz viele Künstler, die sich zwischen den Disziplinen bewegen und unterschiedliche Formate nutzen. Die Art Week spiegelt diese Interessen der Künstler. Und damit auch, ­hoffe ich, die Interessen des Publikums.

tip Im Programm der Volksbühne stehen weltberühmte Filmregisseure, bildende Künstler, Choreografen. Gehen Sie programmatisch von der Sparteneinteilung weg?
Chris Dercon Zumindest wollen wir mehrspartig denken, wie viele unserer Regisseure auch, die zwischen den Sparten denken und neue Allianzen schließen wollen. Es spricht nichts gegen ein klassisch ausgerichtetes Sprechtheater, zum Glück haben wir davon sehr gute in Berlin, aber wir wollen uns den Stoffen anders nähern. Wie Susanne Kennedy, die ihren Schauspieler­innen eine Stimme vom Band gibt. Wie Apichatpong Weerasethakul, der das Kino ins Theater führt. Wie Mette Ingvartsen, die virtuos die Grenzen des intimen Raums erkundet.

tip Sie kommen von der Tate Modern in London. Hatten Sie dort auch schon die Möglichkeit, so disziplinenübergreifend zu arbeiten?
Chris Dercon Nur teilweise. Wir haben an der Tate Modern auch zwischen den Disziplinen gearbeitet mit zum Beispiel Rabih Mroué oder Tino Sehgal. Aber jedes Mal mussten wir darüber nachdenken, wie wir das stemmen sollten. Hier an der Volksbühne haben wir die Werkstätten, das Wissen, die Tradition. Und ein ganz wichtiger Unterschied: In einem Museum kann man eine Ausstellung mit Wolfgang Tillmans machen, aber dann die nächsten zehn Jahren nicht mehr. Im Theater kann man jedes Jahr mit Wolfgang Tillmans arbeiten, das heißt dann Repertoire und Hausregisseur.

tip Und dafür braucht man dann kein festes Ensemble mehr?
Chris Dercon Doch, wir werden in den nächsten ein, zwei Spielzeiten gemeinsam mit den Regisseuren ein neues Bühnen-Ensemble aufbauen, das mindestens die Größe der Volksbühnen-­Ensembles der vergangenen Jahre haben wird. Es wäre schön, und das muss man wohl angesichts der großen Skepsis in der Theaterszene sagen, wenn man uns die Zeit dafür und zur Entfaltung unserer Ideen geben würde.

tip Gibt es also demnächst wieder mehr Sprechdenktheater, wie Sie es zutreffend nennen, an der Volksbühne?
Chris Dercon Die Inszenierungen der Eröffnungsmonate an der Volksbühne führen uns zurück zur Quintessenz des Theaters: Körper, Raum, Stimme, insbesondere die Stimme ohne Körper, wie in den literarisch-poetischen Kompositionen von Samuel Beckett oder – theatergeschichtlich sozusagen 40 Jahre weiter – bei Susanne Kennedy.

tip Sie sind jetzt in die Volksbühne eingezogen, nach all den Querelen …
Chris Dercon Ja, und es war ein schöner Start mit vielen guten Gesprächen im Haus und einem Grillfest im Hof. Und ich muss sagen, es ist ja nicht das erste Haus, an dem es für mich mit ­Querelen begonnen hat. In Rotterdam am Museum Boijmans Van Beuningen hatte ich Querelen mit Herrn Pim Fortuyn, ich hatte Querelen in den ersten Monaten im Haus der Kunst in München. Denn wenn man irgendwo hinkommt und etwas anders machen will, ist das eben so. Ich habe in meinem Leben keine Angst gehabt vor Veränderungen. Die Kunst lebt davon.

Flughafen Tempelhof

Boris Charmatz. Museé de la danse. A Dancer’s Day: 14.–16.9., 16 – 22 Uhr, 17.9. 14 – 20 Uhr, Hangar 5
Boris Charmatz. Museé de la danse. Danse de Nuit: 21.– 24.9., 21 Uhr

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