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Kunst und virtuelle Realität: Die Reihe „Immersion“

Mit der neuen Reihe Immersion tauchen die Berliner Festspiele in künstliche Welten ein. Das Publikum wird dabei vom Beobachter zum passiven Akteur

Foto: Jirka Jansch

Frau N. ist nicht mehr da. Dabei war es recht kompliziert, zu ihr zu gelangen. Nur einen Teil ihrer Adresse wusste der Besucher vorab: „Haus Nummer Null“. Wo dieses zu finden ist, erfuhr der Käufer eines Tickets zur gleichnamigen Thea­terinstallation von Mona el Gammal beim Stückemarkt 2014, dem Sidekick des Thea­tertreffens, erst kurz vor dem ­gebuchten Termin per E-Mail von einem „Institut für Methode“.
Wer sich durch den im Anhang befindlichen „Symptomekatalog während oder nach dem Aufenthalt“ nicht abschrecken ließ, der neben möglichen Kopfschmerzen auch „Insomnie, Panikattacken, depressive Verstimmung“ sowie eine „allgemeine Antipathie gegenüber dem System und den Mitmenschen“ auflistete, und sich durch einen Fragenkatalog auf der Website des Instituts gearbeitet hatte, erhielt endlich die genaue Adresse und den Zugangscode.

„Hier spricht das Institut für Methode Glück zur Gänze. Stellen Sie sich zur Identifikation in den Scanner“, befiehlt eine Lautsprecherstimme nach dem Eintreten in ­einen Flachbau irgendwo in Lichtenberg. Man wird abgescannt, dann darf man die geheime Anlage durchschreiten. Die klinischen Räume wirken in ihrer neonlicht-beschienenen Mischung aus antiquiertem medizinischen Mobilar und technischem OP-Equipment wie aus Terry Gilliams Film „Brazil“ gebeamt. Ähnlich dystopisch ist auch die Zukunftsfantasie in „Haus Nummer Null“. Es gibt Überwachungskameras, deren Bilder man in dem Raumparcours mitunter begutachten kann und allerlei merkwürdige Folter-Gerätschaften, Zettel, Behandlungsberichte und andere Indizien, aus denen sich die Geschichte einer hier eingesperrten Frau N. konstruieren lässt, die sich einer Widerstandsgruppe namens Rhizomat angeschlossen hat. Frau N. selbst oder irgendwelchen anderen Menschen begegnet man nicht. Ein Theater ohne Schauspieler? Ist das noch Theater?

Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, meint ja und hat die Szenografin Mona el Gammal zum Start einer neuen Reihe eingeladen, eine Fortsetzung dieser Arbeit zu erstellen. „Immersion“, Untertitel:„Analoge Künste im digitalen Zeitalter“, soll ausdrücklich kein Festival sein. „Es ist eine Programmreihe, die sich über drei Jahre entwickelt und so andere Arbeitsbedingungen mit Künstlern und Langzeitprojekten erlaubt“, stellt Ober­ender klar. „,Haus Nummer Null‘ ist wie ein Prototyp für Narrative Spaces. Man betritt Räume und sieht Spuren von Menschen, die sich dort aufgehalten haben. Eine Indizien­suche. Es ist eigentlich wie beim Tatort.“
Solche „erzählende Räume“ müssen nicht real existieren. Das zeigt Ende Oktober das zweite Projekt der „Immersion“-Reihe: Lundahl & Seitls „Symphony of a Missing Room“ führt in eine Art von immaterieller Welt, die allein in der Wahrnehmung des Zuschauers entsteht. „Es sind Räume, die es nicht wirklich gibt, die man aber ganz konkret betritt und darin eine reale Erfahrung macht“, erklärt der Festspiele-Chef. „Man bewegt sich mit Hilfe eines Guides in einem imaginierten Raum, den die Künstler im realen Raum des Gropius-Baus durch eine Erzählung erzeugen. Man betritt also Räume, die nicht da sind, ist aber wirklich dort. Eine völlig verrückte Erfahrung.“

Oberender beschäftigt sich bereits seit ­einigen Jahren mit solchen Narrative Spaces: „Es ist letztlich eine neue oder andere Form von Theater, wo wir den Aufführungen nicht mehr gegenüberstehen, sondern in sie eintreten können. Wo die Welt, die da gezeigt oder erfunden wird, nicht an der Rampe halt macht, sondern sich um uns herum entfaltet, und wo der Raum der Erzähler wird.“

Foto: Jirka Jansch

Doch die Möglichkeiten von Virtual Reality (VR) erfordern genreübergreifend eine ganz neue Sensibilisierung der Wahrnehmung. Als in London kürzlich „Björk Digital“ eröffnete, die VR-Ausstellung der isländischen Sängerin, war Oberender  dort: „Ich bin ja inzwischen schon ein bisschen abgeklärt, weil ich schon relativ viele VR-Produktionen gesehen habe“, sagt er, „aber da waren auch ganz normale Besucher, die das noch nicht so oft gesehen haben. Und es war ein unglaublicher Effekt, den man da beobachten konnte. Da stand ein weißhaariger Mann neben mir, der war, als er seine Brille abgenommen hat, noch so geflasht, als hätte er eine Droge genommen.“
Ein bisschen erinnert das an die Berichte von der ersten Filmvorführung eines in einen Bahnhof einfahrenden Zuges, bei der 1895 das Publikum in Panik von den Sitzen gesprungen sei in der Annahme, der Zug würde sie überfahren. Gut 120 Jahre später scheint im Verhältnis von Nähe und Abstand zwischen Kunstwerk und Zuschauer eine neue Schule der Wahrnehmung nötig zu werden. Deshalb schickt „Immersion“ sein Publikum vom 18. bis 20. November in die „Schule der Distanz“. „In dieser Diskursreihe, veranstaltet über die nächsten zwei Jahre, reflektieren wir in Vorträgen aber auch künstlerisch diese Überwältigung, und suchen nach anderen Beweisen für das ,Eintauchen‘ in andere Welten und Zustände“, erklärt Oberender.

Denn natürlich geht es in der neuen Festspiele-Reihe nicht um eine Feier des technisch Möglichen, als gäbe es nichts Schöneres als Virtual Reality. „Die echten Motoren von ­immersiven Realitäten, jenseits des künstlerischen, sind die Akteure Google und Facebook, die uns in eine Welt reinziehen,  die all unsere Lebensbereiche absorbiert und die einen ständig affektiv überwältigt“, sagt Oberender. „,Immersion‘ hat nichts damit zu tun, dass auf der Bühne Computerspiele gemacht werden oder Monitore hängen. Uns interessiert das Verhältnis zur analogen Kultur, also dessen, was wir in der realen Welt mit Körpern, Geschichten und physischen Räumen veranstalten, die heute bereits in hohem Maße von Internet-Gewohnheiten geprägt werden. Uns interessiert: Was entstehen da für neue, andere Erzählformen und Materialbegriffe, was ist heute eigentlich eine ,Figur‘, was bildet sie noch ab oder nach?“

Die Reihe „Immersion“ zeigt in den ­nächsten Jahren solche Beispiele von hybrider und virtueller Realität, wobei Begriffe wie Thea­ter, Ausstellung, Skulptur oder Film verschwimmen. „Wir versuchen eigentlich“, sagt Oberender, „Abschied zu nehmen von einer Welt, in der man das analoge und digitale noch getrennt hat.“

Immersion Rhizomat, Mi 19.10. – So 4.12., Ort wird nach Ticketkauf bekanntgegeben, Tel. 25 48 91 00, Eintritt 18/ erm. 12 € Symphony of a Missing Room, Martin-Gropius-Bau, Do 27.10. –  So 20.11., Eintritt 8/ erm. 6 €

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