Theater

Kurt Krömer und Jakob Hein in der Volksbühne

Probebühne der Volksbühne am Bertolt-Brecht-Platz, Jakob Hein ist schon da, Kurt Krömer kommt etwas später und lässt die Tür offen. Hein: „Herr Krömer, könnten Sie bitte die Türe zumachen. Ich weiß ja nicht, in welcher S-Bahn Sie auf die Welt gekommen sind. Manche lernen es halt nie …“ Krömer: „Tach.“ Und los geht’s.

tip In Ihrem Stück „Johnny Chicago“ sieht man einen Show- und Fernsehstar im Endstadium. Was ist los mit Johnny Chicago?
Kurt Krömer Das ist einer, der durchgenudelt und überall rumgereicht worden ist. Der war bei „Deutschland sucht den Superstar“ und hat jeden Tag acht Millionen Zuschauer. Er ist 10.000 Jahre alt, aber das interessiert schon keinen mehr, weil er von „Wetten, dass…“ bis zu Kerner und Promi-Dinner schon alles durch hat. Er war mal toll, aber jetzt kann ihn keiner mehr sehen.

tip Die Medienmaschinerie, in der Sie ja derzeit auch drin sind, hat einen hohen Verschleißfaktor. Ist Johnny Chicago Krömer in fünf Jahren?
Krömer Wenn ich alles annehmen würde, was mir angeboten wird, wäre ich auch schnell an dem Punkt, an dem ich mich verheize. Ich mache 12 Sendungen im Jahr, und das war’s
gewesen. Ich muss nicht bei der ultimativen Siebziger-Jahre-Schlager-Sendung dabei sein und einen Slapstick bei „Lets Dance“ machen und beim Promidinner und bei Kerner rumsitzen. Für das „Dschungelcamp“ haben sie mir 30.000 Euro Gage angeboten. Ich habe dann zurückgeschrieben, dass ich ihnen heute noch 50.000 Euro überweise, wenn ich zu Hause bleiben darf. Dann kam noch ein „Hihi“ zurück und das war’s dann. Ich muss nicht mit Fernsehleuten im Borchardt sitzen und Schnitzel fressen.
Jakob Hein Das Schnitzel hat da ja sehr nachgelassen…
Krömer Das ist hier immer der Scherz. Wenn ich bei den Proben nicht dran bin, sage ich immer, ich gehe rüber ins Borchardts…

tip Herr Hein, Ihr Vater, der Schriftsteller Christoph Hein, hat bedeutende Theaterstücke geschrieben. Ist „Johnny Chicago“ Ihr erstes Theaterstück?
Hein Ja. Mein Vater hat über Ferdinand Lassalle, Cromwell und König Artus geschrieben. Und ich schreibe jetzt über Johnny Chicago und Kai Kacke, tja (lacht). Wir sind eben unterschiedliche Menschen.  Mein Stück wird ja auch nur gespielt, weil die Volksbühne etwas mit Kurt Krömer machen wollte.

tip Und da musste das Theater Sie halt notgedrungen mit in Kauf nehmen.
Hein So sieht’s aus.
Krömer Sagen wir’s doch, wie es ist: Wir füttern Herrn Hein hier durch.

tip Herr Krömer, erholen Sie sich bei Ihren Ausflügen ins Theater vom Fernsehen?
Krömer Ich lerne hier 60 Seiten Text auswendig! Das ist keine Erholung, das kann ich Ihnen sagen. Dann haben wir einen Regisseur, wie heißt der noch mal …
Hein Freydank.
Krömer Der Kaffeehalter von Castorf.
Hein Theater ist keine Erholung, aber auf jeden Fall eine Abwechslung. Wenn man immer nur die Dinge macht, die man sowieso kann und die die Leute von einem erwarten, verschwindet man irgendwann in seinem eigenen Arsch.
Krömer Dann singst Du 30 Jahre lang „Ein Bett im Kornfeld“. Darum schaue ich zu, dass ich neben dem Fernsehen Tourneen mache und dass ich mich hier als Schauspieler beweise.
Hein Bei mir war das der erste Berufswunsch: Ich wollte gerne Schauspieler werden, ganz im Ernst. Das wollten meine Eltern nicht. Da kam die klare Ansage: Das kannst du vergessen, das verbieten wir dir. Wenn du das machst, fliegst du hier raus, achtkantig.

tip Obwohl Ihr Vater selbst am Theater gearbeitet und Stücke geschrieben hat?
Hein  Vielleicht gerade deshalb. Es hieß: Morgen kommst du mit in die Theaterkantine, und dann schaust du dir mal bitte ganz genau an, was es heißt, ein Schauspieler zu sein. Und da saßen dann die Schauspieler nachmittags um fünf besoffen hinter der Rotweinflasche und wankten um halb acht auf die Bühne. Danach saßen sie wieder da und schimpften: Der Intendant, so ein Schwein… Dann kam der Intendant rein, großes Hallo, Prösterchen… Wirklich, das war so.

tip An welchem Theater war das denn?
Hein Habe ich vergessen (grinst).

tip Hat sich das in den Theaterkantinen seitdem verändert?
Hein Total. Hier ist so eine offene, freundliche Atmosphäre, die Luft weht sanft durch die hellen Räume, Vögel zwitschern…
Krömer … Energiebällchen werden gereicht.
Hein Im Ernst, meine Eltern haben mir das verboten. Und jetzt probiere ich es halt mal aus. Ich fand Theater ja immer interessant, früher. Bis hier die Probenarbeiten begonnen haben (grinst bestens gelaunt). Die traurige Wahrheit ist wahrscheinlich, dass ich ein total kamerageiler Typ bin.
Krömer Echt? Also, ich stehe nicht gerne im Mittelpunkt, das sage ich gleich.
Hein Kai Kacke, der Fernsehmensch, den ich spiele, dem geht’s fantastisch. Er gibt dauernd Autogramme, fährt ein Riesenauto, die Weiber laufen ihm hinterher wie verrückt, er kann seine Anzüge von der Steuer absetzen und hat seine eigene Produktionsfirma.
Krömer Ein Arschloch, ich kenne viele von der Sorte. So eine Figur musste sich der Autor nicht groß ausdenken, die gibt’s massig. Ich habe damals als Hilfsarbeiter auf dem Bau gearbeitet und habe mal fallen lassen, dass ich gerne Schauspieler werden würde. Die Kollegen dachten, ich habe eine Meise oder wäre ein Homosexueller. Der Polier sagte damals, es gibt drei Gewerbe, die sind richtig mies. Das erste ist noch gar nicht so schlimm, das ist die Prostitution. Das zweite ist die Modebranche, das schlimmste ist das Showbusiness.

tip Würden Sie dem Polier widersprechen?
Krömer Klar hat er recht. Es wäre naiv, wenn ich sagen würde, das Show-Bizz besteht aus lauter netten Leuten, die einem die Hand reichen und nur das Beste wollen. Es gibt eine Gruppe von Leuten, mit denen man gerne zusammenarbeitet. Und dann gibt’s viele, die möchte ich nachts nicht treffen und am Tag erst recht nicht.
Hein Im Schaugewerbe ist der Solidaritätsfaktor immer geringer als im Mannschaftssport.

tip Sie kommen aus dem Entertainment, Herr Hein ist Arzt an der Charitй und schreibt erfreuliche Bücher. Sind Sie hier am Theater Fremdkörper?
Krömer Als Schauspieler bin ich ein Ungelernter, auf dem Niveau eines Hilfsarbeiters. In der Welt meiner Eltern kam das nicht vor, Theater. So was gab’s nicht.  Das sind natürlich alles Intellektuelle hier. Ich sehe mich nicht als Intellektuellen, aber ich sehe mich in der Lage, mich auf die Bühne zu stellen und die Leute zu unterhalten. Insofern bringe ich vielleicht die Leichtigkeit mit, die sie am Theater manchmal nicht haben. Ich kann meinen Schalter umstellen und naiv wie ein Sechsjähriger sein.

tip Haben Sie ab und zu Angst, wie die ausgelutschte Fernsehleiche Johnny Chicago zu enden?
Krömer Fernsehen ist nicht ewig. Nächstes Jahr bin ich im fünften Jahr. Ich muss mich jetzt schon hinsetzen und darüber nachdenken, ob ich in ein, zwei Jahren zur Intendantin gehe und sage: War ’ne schöne Zeit, tschüssikowski. Auf Tour werde ich noch in 30 Jahren sein. Ob ich in 10 Jahren noch mal eingeladen werde, Fernsehen zu machen, das weiß ich nicht. Ich glaube, dass ich mich mit meiner Anarchie davor schütze, eine reine Fernsehfigur zu werden. Ich hätte wahrscheinlich viel mehr Erfolg, wenn ich mal einen Anzug anhätte, der farblich passt, wenn ich immer freundlich wäre und nicht „Scheiße“ sagen würde und statt Sido nur noch die „netten Leute“ einladen würde. Ich habe keine Lust, das 20 Jahre zu machen, irgendwann ist der Drops gelutscht. 

Interview: Peter Laudenbach
Fotos: Thomas Aurin


Termine: Johnny Chicago
z.B. am 22., 23., 27., 29.6., 19.30,
in der Volksbühne

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