• Kultur
  • Theater
  • Kurz-Interview über „Votre Faust“ im Radialsystem

Theater

Kurz-Interview über „Votre Faust“ im Radialsystem

Votre-FaustBei der Faust-Oper von Henri Pousseur können die Zuschauer das Ende selbst wählen. Welchen Schluss empfehlen Sie?
Denjenigen, bei dem der Komponist aufgibt, weil ihm der Kompositionsauftrag entzogen wird. Es gibt fünf Wahl-Möglichkeiten für das Publikum. Die Handlung von „Votre Faust“ ist eine Art Oper in der Oper. Die Hauptfigur, Henri Faust, ist ein Komponist. Beim Schluss aber, den ich empfehlen würde, schreibt letztendlich der Famulus Wagner das Werk. Der heißt mit Vornamen immerhin Richard.

Klingt ganz schön 60er-Jahre-mäßig, oder?
Das Werk ist eher ein Exorzismus der Oper. Das Werk ist ein Klassiker der 60er-Jahre. Aber die Wahlmöglichkeit des Publikums wurde in der Aufführungsgeschichte noch nie realisiert. Es ist insofern eigentlich eine Uraufführung.

Was hatte der Autor Michel Butor gegen Goethe?
Nicht nur gegen Goethe, sondern auch gegen andere Faust-Bearbeiter wie Lenau, Berlioz, Schumann und Busoni. Nur nicht gegen Bulgakov. Michel Butor war Literaturprofessor in Genf und kam eines Tages aus einer japanischen Bunraku-Aufführung in Paris, als er sich unversehens inmitten der Barrikaden-Kämpfe der Studentenbewegung befand. Daran gemessen, ist das Werk eine erstaunlich spaßige Angelegenheit geworden.  

Haben Sie als Dirigent auch fünf Schlüsse vorbereitet?
Ja, ein Riesenaufwand, kann ich Ihnen sagen! Man muss zweieinhalb Opern proben und spielt nur eine. Das klingt wie Berio mit Mahler-Zitaten, wie Offenbach durch die Lupe betrachtet und mit Jazz-Einsprengseln der 50er-Jahre versetzt. Es handelt sich in Wirklichkeit um einen Ausbruch aus dem Korsett des seriellen Komponierens. Deswegen hat auch Pierre Boulez das Werk nicht gemocht – und sich gegen eine Aufführung ausgesprochen.

Henri Pousseur ist ein weit unterschätzter Komponist. „Votre Faust“ halte ich für einen einsamen Klassiker der offenen Form. Eine Neubewertung lässt hoffentlich nicht mehr lange auf sich warten. Auch wir haben die Mittel für unsere Aufführung erst aufgetrieben, nachdem Pousseur 2009 gestorben war. So ist es immer, leider. Nur ein toter Komponist ist auch ein guter Komponist.

Interview: Kai Lührs-Kaiser
Foto: Sebastian Bolesch

VOTRE FAUST
im Radialsystem,
Sa 30.3., So 31.3., Mo 1.4., jeweils 19 Uhr,
Karten-Tel. 288 78 85 88

Verlosung:  5?x?2 Tickets
E-Mail bis 30.3. an [email protected], Kennwort: Votre Faust

 

Mehr:

Interview mit Simon Halsey über das Singen im Chor

Berlin wird Opernhauptstadt

Interview mit Barry Kosky und Hans Neuenfels

Projekt: „Ring – The Next Generation“ an der Deutschen Oper

 

 

Mehr über Cookies erfahren