Theater

„La Cage Aux Folles“ in der Bar jeder Vernunft

Man könnte kalauern, das Spannendste an diesem Transen-Musical sei die Paillettenweste, die sich über Georges’ Wampe wölbt. Es wäre ungerecht. Denn „La Cage aux Folles“ von Jerry Herman war das im Grunde letzte klassische Musical, bevor das Genre in Plaste und Lloyd- Webber-Elaste abglitt. Die Geschichte eines schwulen Nachtclub-Pärchens, dessen (Zieh-)Sohn die Tochter eines ultrakonservativen Politikers heiraten will, ist grandios unkaputtbar. Und die dekorativen Gold-Dödel und Glitzer-Arschbacken im Lack- und Latexgewitter sind eine hübsche Hommage an das klebrige Chez-Nous-Gewese im West-Berlin der 80er-Jahre.

Die Produktion ist mithin viel besser als befürchtet. Die Entscheidung von Regisseur Bernd Mottl, Protagonisten im Rentenalter zu besetzen, macht Sinn. Hannes Fischer als Zasa ist kein Wiedergänger von Helmut Baumann (aus dessen legendärer Produktion am Theater des Westens). Figürlich eher aus der Heavy-Teddy-Fraktion, ähnelt er dem Western-Regisseur John Ford – aber im Fummel! Als Georges trifft Peter Rühring („Der englische Patient“) den Charme eines Charlottenburger Kaschemmen-Besitzers. Die männlichen Tanz-Vögelchen, denen Choreograf Otto Pichler keine ruhige Minute gönnt, sind vom Bedienungspersonal der Bar jeder Vernunft nicht zu unterscheiden.

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Johannes Roloff hat den Sound der 70er-/80er- Jahre noch etwas glimmeriger und technoid schmieriger gemacht. Und liefert daselbst Herzensergießungen an der Schweineorgel. Mattgold-Palmen, Nachtclub-Gestänge und ein Laufsteg durchs Publikum suggerieren ein erstaunliches Maß an Weite. Wer die Tonlage dieses historisch letzten Musical-Meisterwerks mag, wird der Sache unfehlbar auf den Leim gehen. Chapeau!

Text: Kai Luehrs-Kaiser

Foto: Adrienne Gerhäuser

tip-Bewertung: Sehenswert

La Cage Aux Folles Bar jeder Vernunft, Di bis Sa 20 Uhr, So 19 Uhr (bis Ende Mai),? Karten-Tel. 883 15 82  

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