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„Le Savali: Berlin“ im Haus der Berliner Festspiele

LeSavaliBerlinLemi Ponifasio sitzt in einem kleinen Sitzungsraum im Haus der Berliner Festspiele, legt den Kopf zurück und lacht. Er lacht viel und gerne. Wie ein Blitz ist der Choreograf aus Samoa in Berlin eingeschlagen. „Tempest: Without a Body“ hieß das düstere mächtige Stück, das er im vergangenen Jahr beim Tanz im August zeigte. Ponifasio war damit die große Entdeckung des Festivals. Jetzt ist er wieder da. Gleich mit zwei Arbeiten gastiert er bei der Spielzeit Europa. Mit „Le Savali: Berlin“, einer Uraufführung mit Musik des Komponisten Fabrizio Cassol, mit Ponifasios neuseeländischer Mau Company, mit Menschen, die es aus aller Welt nach Berlin gespült hat, und dem Chor Bulgarian Voices Berlin wird er das Festival eröffnen. Es ist ein Stück über Berlin, über die Stadt als multikulturellen Ort. Das klingt zunächst nicht wirklich aufregend, aber bei Lemi Ponifasio wird sich wohl kein einziges der Klischees erfüllen, die man ganz automatisch assoziiert. Denn Stücke von Lemi Ponifasio sind fremde, entrückte Rituale von zwingender, dichter Atmosphäre.

Sie nehmen einen mit hinein in einen Zustand, in dem unsere Vorstellungen von Zeit und von Handlung nicht mehr gelten. Wie bei dem im vergangenen Jahr beim Theater der Welt in Essen uraufgeführten „Birds with Skymirrors“. Ein Stück mit Tänzern, die auf der Stelle trippeln, die vibrieren wie Kolibris, die über die Bühne schwirren, als hätten sie keine Füße. Dahinter immer wieder in Schwarz-Weiß ein kurzer Filmclip, der einen von Öl verseuchten Vogel im Todeskampf zeigt, dazu gellt ab und an die klagende Stimme einer Sängerin auf. Viel mehr passiert nicht. Trotzdem ist „Birds with Skymirrors“ ein ungemein poetisches, eindringliches Stück.

Das hat viel mit Lemi Ponifasios Tänzern zu tun. Die meisten von ihnen tanzen seit ihrer Kindheit. Nicht, weil sie es auf der Schule gelernt haben, sondern weil es Teil ihres Alltags ist. Sie tanzen nicht unbedingt viele unterschiedliche Bewegungen. Sie verwandeln sich eher, sie tanzen in einem festgelegten Bewegungsrepertoire unterschiedliche Zustände. „Es gibt Gesellschaften, die haben alte, essentielle Kulturpraktiken bewahrt, andere Gesellschaften haben sie verloren“, sagt die englische, in Neuseeland lebende Lichtdesignerin Helen Todd, die seit den 90er-Jahren mit Lemi Ponifasio zusammenarbeitet. „Trotzdem“, sagt sie, „packt es uns alle, wenn wir es sehen. Auch wenn wir selbst solche Rituale nicht mehr kennen.“ Lemi Ponifasio speist die samoanischen Traditionen, die er seit seiner Kindheit kennt, souverän in den zeitgenössischen Theaterdiskurs ein. Er hat in Auckland Philosophie und Politologie studiert, in Kanada in Indianerreservaten unterrichtet und in Tokio und New York gelebt, bevor er 1995 nach Samoa und Neuseeland zurückkehrte und seine in Auckland ansässige Company Mau gründete, was sowohl Vision als auch Revolution bedeutet. „Die Unterscheidung zwischen Laien und Künstlern interessiert mich nicht“, sagt er. Das gilt sowohl für seine eigene Company wie für die Performer, die er in Berlin für „Le Savali“ engagiert hat. Menschen, die in Berlin leben, aus den unterschiedlichsten Winkeln der Welt hierhergekommen sind und nicht alle über Theatererfahrung verfügen.

Savali bedeutet auf Samoanisch so viel wie Reise, was auf Samoa auch immer heißt, dass man eine Aufgabe vor Augen hat, für die man sich in Bewegung setzt. „Ich liebe Menschen, die unterwegs sind“, sagt Lemi Ponifasio, „vor allem solche, die zu Fuß unterwegs sind, die wandernd ganze Länder durchquert haben.“ Auch solche Menschen haben an seine Mau Company angedockt. Seine Wurzeln hat Ponifasio dabei allerdings nicht verloren. Er trägt als ein High Chief von Samoa den Titel Sala und zählt zu den führenden spirituellen Persönlichkeiten des Inselstaates. Was das genau bedeutet, darüber spricht er allerdings nicht. Bei seinen Tänzern ist das anders. Lemi ist ein High Chief, sagen sie stolz und auch mit einer gewissen Ehrfurcht. Für sie ist das Theater auf der Bühne pure spirituelle Praxis, auch so etwas, was Ponifasio selbst so nie sagen würde.

Text: Michaela Schlagenwerth

Foto: Günter Karl Bose

Le Savali: Berlin Haus der Berliner Festspiele, Do 6., Sa 8. + So 9.10., 20 Uhr, Karten-Tel. 25 48 91 00

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