Theater

„Hamlet“ am Berliner Ensemble

Hamlet_c_-LucieJanschHerr Hamlet (Christopher Nell), der verwirrte junge Mann mit dem gepflegt ungepflegten Outfit und einem Berlin-Mitte-typischen Hang zur spätpubertär narzisstischen Pose, ist hier ein Hipster mit anstrengendem Gefühlshaushalt. Bevor es losgeht mit dem unglücklichen Dänenprinzen kauert ein nackter Steinzeitmensch mit zerzauster Mähne (Joachim Nimtz) am Lagerfeuer, es ist der Geist von Hamlets ermordetem Vater. Und weil sein Geisterauftritt das ganze Stück erst in Gang bringt, sind an diesem Abend die Grenzen zwischen Diesseits und Totenreich sehr durchlässig. Auf der Twilight-Zone der ewig kreisenden, nebelverschleierten Drehbühne mit dem Labyrinth aus Wänden (Bühne: Johannes Schütz) haben die Toten Ausgang: Shakespeares Leichen leben noch.

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Haußmann jongliert sehr lässig, charmant und gekonnt mit den unterschiedlichsten Stilmitteln, zitiert Italo-Western, als Hamlet den Mörder Claudius (Roman Kaminski) erschießen will, oder lässt splatterfilmmäßig ein eben aus der Leiche operiertes Hirn genussvoll ablecken. Aber Haußmann, der ewige Romantiker, gönnt auch Mörder und Witwe (Traute Hoess) ihre zärtlichen Momente, genau wie Hamlet und seiner bleichen Geliebten Ophelia (Anna Graen-zer). Der atmosphärisch dichte, knapp vierstündige Abend ist bei aller Verspieltheit nicht flach und entwickelt eine schöne Sogkraft und Melancholie.

Text: Peter Laudenbach

Foto: Lucie Jansch

tip-Bewertung: Sehenswert

Adresse + Termine: ?Berliner Ensemble Karten-Tel. 28 40 81 55

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