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Neue Dramatik

„Lebt Hitler im Erdmittelpunkt?“. Ein Gespräch mit dem Dramatiker Ferdinand Schmalz

Der Österreicher Ferdinand Schmalz ist ein Star der jungen Dramatik – jetzt zeigt das Deutsche Theater sein neues Stück „der thermale widerstand“

der thermale widerstand
Foto: Arno Declair

tip Herr Schmalz, in Ihren früheren Stücken haben Sie sich einer Absturzkneipe, einer Autobahnraststätte und der Baustelle einer Shopping-Mall gewidmet. Diesmal suchen Sie ein Kurbad auf. Gehen Ihnen die tristen Orte nicht langsam aus?
Ferdinand Schmalz Da gibt es sicher noch einige. Das sind alles Unorte, die sprachlich interessant sind. Aber das Kurbad ist kein Durchgangsort, wie die Schauplätze der anderen Stücke, sondern ein Aufenthaltsort, der allerdings im Stückverlauf unter Bedrohung gerät.

tip Was ist an den Schlammpackungen und Dampfbädern einer Badekur sprachlich interessant?
Ferdinand Schmalz Allem voran schon die Rituale, die mit dem Baden verbunden sind, bieten eine Dramaturgie an – von der Fußdesinfektion bis zum ersten Sprung ins Wasser. Die Sprache bleibt an den Körpern dran. Die Frage ist, wie man den glatten Mainstream-Körpern der Werbung ein anderes Körperbild entgegensetzen kann. Und welche Sprache brauchen diese versehrten, verformten, in Kur geratenen Körpern? Ich habe das Gefühl, dass man durch die Rhythmisierung der Sprache oder durch Störungen in der Syntax  auf diese Körper einwirken kann. Schauspieler, die meine Stücke spielen, sagen oft, dass sie, weil die Sprache so künstlich und verfremdet ist, mit einer ganz anderen Körperlichkeit an die Sache rangehen. Sie müssen im Spiel andere Körperhaltungen suchen, um auf die verformte oder extrem geformte Sprache zu reagieren. Solche Prozesse finde ich schon spannend.

tip Was geschieht denn in Ihrem neuen Stück?
Ferdinand Schmalz Auf der oberflächlichen Handlungsebene wird ein traditionelles Kurbad bedroht. Die Finanzwelt greift danach; ein Investor will es in ein Tropical-Paradise-Erlebnisbad verwandeln. Dagegen wehrt sich ein revolutionär gestimmter Bademeister mit Partisanenstrategien gegen die Kurverwaltung, und natürlich schießt er dabei komplett über das Ziel hinaus. Ausgangpunkt war für mich die Frage, ob wir uns im Zentrum von Europa in so einer Wohlfühlblase befinden. Man hat das Gefühl, dass eine andere Zeit anbricht, man traut diesem Schaumbad in der Wohlstandswohfühlblase nicht mehr so recht. Weil die Blase Löcher kriegt, wächst bei vielen eine diffuse Angst und damit auch die Anfälligkeit für die Polemiken und scheinbar einfachen Rezepte der Populisten. Das sind Entwicklungen, in denen die Linke Potentiale nicht genutzt und den Ummut vieler Menschen nicht aufgenommen hat. Das rächt sich jetzt.

tip Der Erfolg rechtspopulistischer Bewegungen hat in Ihren Augen auch im Versagen der Linken eine Ursache?
Ferdinand Schmalz Das hat ähnlich schon Walter Benjamin in den frühen 1930er Jahren gesagt. Ich glaube, dass das stimmt. Die Rechtspopulisten saugen die Wut auf. Das Problem ist, dass viele Leute, nicht nur bei den Rechten, so eine diffuse, schwer zu fassende Angst haben. Und diese Angst sucht nach Orientierung, die auch leicht etwas Wahnhaftes bekommen kann. Das sieht man zum Beispiel am Aufschwung der irrsinnigsten Verschwörungstheorien. Man ist in einer Situation, die man als beängstigend erlebt, in der man vielleicht die eigene Existenz bedroht sieht – man kann aber niemanden ausmachen, der dafür verantwortlich wäre. Dann blüht die Phantasie. Statt sich zum Beispiel gegen konkrete Missstände wie eine prekäre Arbeitssituation zu organisieren, gedeihen Vorstellungen von imaginären Schuldigen und finsteren Mächten. Beliebt sind zum Beispiel Verschwörungstheorien wie die, dass die Kondensstreifen von Flugzeugen Chemikalien enthalten, mit denen die Regierung uns als Gesellschaft steuern und kontrollieren will.

tip Sind solche Verschwörungstheorien die Fortsetzung und Schattenseiten der Regression in der Wohlfühlblase der Spaßgesellschaft?
Ferdinand Schmalz Ich glaube schon, dass es zwischen der aggressiven Paranoia und der Angst vor dem Verlust der Wohlfühlblase, in der man sich nicht groß darum scheren musste, was außerhalb des eigenen Wohlstandsidylls in der Welt geschieht, einen Zusammenhang gibt. In dem Gegensatz zwischen diesen beiden Extremen ist mein neues Stück angesiedelt. Beide Zustände, die Paranoia und die Wellnesswelt, sind hochgradig irreal. Die Frage ist: Wie kann man rationale Handlungsmöglichkeiten und Antworten auf die Krisenwahrnehmung finden?

tip Und wie kommt man, anders als die Freunde der Verschwörungstheorie, zu einer halbwegs realistischen Wahrnehmung der gesellschaftlichen Wirklichkeit?
Ferdinand Schmalz Das wird schwieriger, wenn die Informationen, die man im Netz bekommt, von Algorithmen und Kaufanreizen gesteuert sind und sich jeder in seiner eigenen medialen Konstruktion von Wirklichkeit einrichten kann. Informationen oder Meinungen, die da stören, kommen nicht mehr so leicht durch den Filter der Algorithmen.

tip Das bedeutet, dass Verschwörungstheoretiker mit falschen Antworten auf die richtige Frage nach der Konstruktion von Wirklichkeitswahrnehmung reagieren?
Ferdinand Schmalz Ja, ich glaube das ist so.  Diese Wahnsysteme, die da enstehen, sind natürlich auch sprachlich interessant. Man ist immer wieder überrascht von dem immensen Output, der so entsteht. Im paranoiden Schub ist die Phantasie offenbar enorm produktiv. Diese Wahnkonstruktionen bestehen ja nur aus Sprache; das sind Erzählungen, die versuchen, einen in diese Welt zu ziehen. Das geht so weit, dass Leute ernsthaft behaupten, dass Hitler im Erdmittelpunkt lebt.

Deutsches Theater (Box) Fr 30.9., Sa 8.10., Sa 15.10., Sa 22.10., Do 27.10., jeweils 19.30 Uhr, Eintritt 16, erm. 6 €

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