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Lektüre: Theater im Kopf – Einar Schleefs Tagebücher

Einar_SchleefFünf großformatige Bücher, zusammen 2300 Seiten, Aufzeichnungen von 1953 bis 2001, von Schleefs neuntem Lebensjahr bis zu seinem Tod am 21. Juli 2001, mit gerade einmal 57 Jahren. Schleef, einer der bedeutendsten Theaterregisseure der letzten Jahrzehnte und eines der wenigen Genies im deutschen Theater, hat sein Leben manisch protokolliert. Um 1999 hat er angefangen, seine alten Tagebuchaufzeichnungen noch einmal abzuschreiben und zu kommentieren. Die Tagebücher sind neben „Gertrud“, dem Roman über das Leben seiner Mutter, und „Droge Faust Parsifal“, dem Manifest seiner Theaterästhetik, sein literarisches Hauptwerk – eine gewaltige Geröll­halde, auf die er Tagesreste, Kräche, Selbsthassanfälle, Theaterüberlegungen, Beobachtungen, Ratlosigkeiten und Wutausbrüche schaufelt. Das ist Arbeit am Selbst und Auseinandersetzung mit einer eigentlich immer als feindlich erlebten Umwelt, egal ob in der DDR, die er 1976 verlässt, oder in Westdeutschland. Oft genug sind seine Aufzeichnungen und Einar_Schleef_Theater_im_KopfSelbstgespräche auch einfach ein Dokument der Hilflosigkeit, der rasenden Empfindlichkeit und inneren Not. Eine Notiz von 1962, Schleef ist 18 Jahre alt: „Ende der Einsamkeit. Beginn der Großen Einsamkeit. Beginn des Chaos. Sie sind zurück, meine Eltern. Ich weiß nicht, was ich tun soll, der erbärmlichste Mensch auf Erden.“ In diesem Tonfall geht es weiter.

Als er irgendwann, viele Jahre später und schon lange im Westen, Alexander Kluges Film „Die Patriotin“ sieht, notiert er einen Satz, der wie ein Motto über dem gesamten  Tagebuch-Steinbruch stehen könnte: „Erinnern ist Arbeit.“ Neben dieser Erinnerungs- und Selbstvergewisserungsarbeit stehen die wut­­­­erfüllten Kommentare zum  Theaterbetrieb, von BE-Dramaturgen („flau gucken die Augen aus diesen Köpfen“),  Intendanten, denen er misstraut („nichts wieder mit Cas­torf, Sense“), bis zu Stars und ihrem „Schauspielergeschwätz“. Diese Tagebücher sind, wie Schleefs Theater, eine Zumutung. Wer wissen will, wie dieser Ausnahmekünstler gedacht hat, muss sie lesen.    
Text: Peter Laudenbach
Foto: Einar Schleef

Einar Schleef „Tagebuch 1981–1998“, 460 Seiten, 30 Ђ; „Tagebuch 1999–2001“, 492 Seiten, 30 Ђ

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