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„Les Petites Morts – I hope you die soon“ im HAU

LesPetitsMortsAngela Schubot und Jared Gradinger sitzen in einem Cafй in Prenzlauer Berg und sehen ziemlich müde aus. Demnächst hat ihr neues Tanzstück am HAU Berlin-Premiere: „Les Petites Morts – i hope you die soon“. Vergangenen Sommer waren sie in Südamerika unterwegs, sie tourten mit ihrem Duett „Is maybe“ in Mexiko und Uruguay. Zwischen den Auftritten in den beiden Ländern lagen einige Wochen. Und weil sie sich in ihrer neuesten Arbeit, eben „Les Petites Morts“, mit dem Tod beschäftigen und weil es dafür keine bessere Gegend als Südamerika gibt, beschlossen sie, vor Ort zu bleiben. Sie reisten nach Peru und gingen mit einer Schamanin für eine Woche in den Dschungel. Das sei gar nicht so außergewöhnlich, versichern sie, das machen vielen Touristen. Sie waren trotzdem die einzigen Ausländer in der Gruppe, mit der eine 76-jährige Schamanin drei große Zeremonien durchführte. Schubot und Gradinger nahmen während dieser Zeremonien eine Droge, die im Körper die gleichen Substanzen freisetzen soll, wie es während des Sterbens geschieht.

Viele Jahre war Angela Schubot in Berlin als eine Hälfte des Duos Two Fish bekannt, das mit ungemein witzigen, absurden, sprudelnd lebendigen Performances Furore machte, die schon in Wohnungen stattfanden, bevor das in Mode kam: „Christiane Müller, Gabriel-Max-Str. 2, 1. OG links“ kam 2002 raus, „Christiane Müller zieht um“ 2004. Jared Gradinger wiederum war in dieser Zeit eines der prägenden Gesichter in der Compagnie von Constanza Macras. Bei einer Produktion von Macras lernten sich die beiden vor zehn Jahren kennen. „Wir mochten das Material, das der jeweils andere zu den Proben beigesteuert hat, sehr“, sagt Jared Gradinger. „Und seitdem wollten wir eigentlich zusammenarbeiten.“ Aber es war nie Zeit, und als Schubot und Gradinger 2009 am Haus der Kulturen der Welt das Duett „What they are instead of“ herausbrachten, war das eher als eine kleine radikale Studie gemeint, ein Seitenzweig ihrer choreografischen Experimente. Jetzt, vier Jahre später, touren sie mit diesem Duett – in dem sie recht drastisch nach den Grenzen ihres Körpers und ihres Ichs fragen – immer noch. Ebenso mit dem Folgestück „Is maybe“, in dem die beiden Tänzer ihre Frage nach Symbiose und Selbstauflösung noch um einige Drehungen weiter treiben.

LesPetitsMortsWährend des gesamten Stücks – die Uraufführung fand im Juni 2011 im HAU statt – halten die beiden Performer ihre Augen geschlossen. Sie ertasten sich gegenseitig mit den Händen, den Mündern, schmiegen und kugeln sich ineinander. Suchen nach einer fremden, neuen Art von Koexistenz, werden zu einem ganz eigenen Organismus. „Is maybe“ ist ein Versuch, in andere Bewusstseinszustände vorzudringen, auch für die Zuschauer. „Wir versuchen auf der Bühne immer etwas zu machen“, sagt Angela Schubot, „das wirklich stattfindet, das nicht bloß Zitat, Repräsentation ist. Wir verstehen die Bühne als Lebensraum.“  

Ihr neues Stück „Les Petites Morts“ ist nun eine weitere Steigerung in diesem Experiment der Selbstauflösung. Zunächst war die Sache mit dem Sterben als ein Witz gemeint. Wie könnte nach der radikalen Symbiose in „Is maybe“ ein nächster Schritt aussehen, hatten die zwei sich gefragt. Da wäre doch nur noch ein gemeinsames Sterben möglich, befanden sie eher als Joke. Aber je länger sie darüber nachdachten, desto interessanter fanden sie die Vorstellung. Nicht im Sinne eines Suizids, sondern als Frage danach, was Sterben bedeuten, wie es sich in eine gemeinsame Erfahrung verwandeln kann.  
Und jetzt sitzen Angela Schubot und Jared Gradinger im Cafй Fleury am Weinbergsweg und erklären, dass ihre Drogenerfahrung vom letzten Sommer noch lange nicht zu Ende sei. Wann immer sie intensiv darüber reden oder in den Proben damit arbeiten würden, würden sich die Halluzinationen reaktivieren. „Mein Geist hat sich von meinem Körper abgelöst“, sagt Gradinger. „Das ist eine Erfahrung gewesen, die mir so viel Angst gemacht hat wie selten etwas in seinem Leben.“ Man müsse loslassen, sagen beide, alle Vorstellungen und alle Erwartungen. Weil man sich sonst wie in einem Käfig fühle. Davon, unter anderem, handelt ihr Stück. 

Text: Michaela Schlagenwerth
Foto: Ben Jakon

Les petites morts – i hope you die soon
im HAU 1,
Mi 23.1, 20 Uhr, Do 24.1., Fr 25.1., Sa 26.1., 19.30 Uhr,
Karten-Tel. 25 90 04 27

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