Theater

Les Possйdйs von Toula Limnaios in der Halle

Les_Possede_in_der_Halle_BerlinDostojewski-Inszenierungen sind so etwas wie Reifeprüfungen für Künstler, deswegen scheitern ja auch so viele Kindsköpfe daran. Die Choreografin Toula Limnaios, die sich jetzt in den Russenrausch stürzt, ist allerdings deutlich im Vorteil gegenüber ihren Kollegen vom Schauspiel, denn sie muss gar nicht erst versuchen, diese Monolithen der Weltliteratur zu stadttheaterkompatiblen Gebrauchsfassungen herunterzumeißeln. Wer erwartet schon 100 Seiten Tanz? Entsprechend hat sich die Choreografin eher von nachhallenden Stimmungen ihrer Schwergewichtslektüre leiten lassen. „Les Possйdйs„, die Besessenen, hat sie ihre jüngste Arbeit genannt, was auch der Titel der französischen Ausgabe der „Dämonen“ ist. Es geht bei Limnaios nicht um ein vorrevolutionäres Gesell­schafts­­gemälde, sondern um all­ge­meingültige Menschenbilder aus dem Melancholikerkosmos der Erniedrigten und Beleidigten. Die Inszenierung umkreist mit spielerischer Lust Abgründe, Obsessionen und die Ursprünge der Begehrlichkeiten. Wobei der Verzicht auf einen narrativen Bogen auch eine gewisse Beliebigkeit mit sich bringt.

Les_Possede_in_der_Halle_BerlinWenn zu Beginn der Tänzer Clebio Oliviera von Ute Pliestermann mit vorgehaltener Waffe in ein plakatives, erotisch aufgeladenes Paarspiel zwischen Gewalt und Zärtlichkeit gezwungen wird, erwartet man nichts Gutes. Doch die Inszenierung findet mehr und mehr zu sich und entfaltet schließ­lich Limnaios’ Stärke, zu den ener­getischen Beats des Komponisten Ralf R. Ollertz so bildgewaltige wie flüchtige Tableaus zu bauen: Etwa wenn Mercedes Appugliese ihre Haare in schwarzes Wasser taucht und mit den nassen Strähnen ihren Partner auspeitscht. Eine tolle Passionsszene, befeuert von Schuld-und-Sühne-Ironie.

Text: Patrick Wildermann
Fotos: Cyan

(Annehmbar)

Les Possйdйs (Termine)
in der Halle Prenzlauer Berg (Adresse/Googlemap)
Do 9. bis So 12.7.

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