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Feierabend

Letzte Runde: „Faust“ von Frank Castorf an der Volksbühne

Ära, wem Ära gebührt: Frank Castorf beendet seine Volksbühnen-Jahre mit dem „Faust“

Thomas Aurin

Im März kommen sie noch einmal zusammen für eine dieser langen Castorf-Nächte: Sophie Rois und Martin Wuttke, Lilith Stangenberg und Alexander Scheer, Lars Rudolph, Frank Büttner, Sir Henry, Valery Tscheplanowa und die großartige, heftige Neuentdeckung Hanna Hilsdorf, die spielt, als hätte sie volksbühnenprägende Freude an der gekonnten Selbstverausgabung schon immer genossen. Frank Castorf inszeniert mit ihnen zum Ende seiner Volksbühnen-Intendanz nichts bescheideneres als Goethes „Faust“, Genies unter sich sozusagen.
Allein die Besetzung, lauter Schauspieler, die seit vielen Jahren Teil des Castorf-Theaters sind, straft die bürokratische Argumentation etwa von Franz Wille („Theater heute“) Lügen, die Volksbühne hätte schon lange gar kein Ensemble mehr, weil laut Bühnenjahrbuch so wenige Schauspieler fest angestellt seien. Wenn das kein umwerfendes, durch viele gemeinsame Theater-Abenteuer gegangenes Ensemble ist – was denn bitte dann?
Ein Vierteljahrhundert Volksbühne ausgerechnet mit dem Großklassiker Goethe zu beenden, wirkt zunächst wie eine spöttische Volte, aber das wäre als Erklärung für die Stoffwahl entschieden zu billig. Der ganze „Faust“ passt aus vielen Gründen sehr gut, nicht nur weil Goethe hier genau das macht, was erschöpfte, eingeschlafene oder intellektuell überforderte Kritiker Castorf gerne vorwerfen: Im zweiten Teil des „Faust“ hat er laut eigenem Bekunden einfach alles aufgeschrieben, was ihm durch die Rübe rauschte.

Und das ist eine Menge, von der Erfindung des Papiergelds bis zur Erschaffung neuer Welten. Was Goethe über den „Faust“ sagt, klingt auch sonst wie eine präzise Beschreibung des Castorf-Theaters: „Auch kommt es bei einer solchen Komposition bloß darauf an, dass die einzelnen Massen bedeutend und klar seien, während es als ein Ganzes immer inkommensurabel bleibt, aber eben deswegen, gleich einem unaufgelösten Problem, die Menschen zu wiederholter Betrachtung immer wieder anlockt.“ Daran, das Ganze „inkommensurabel“ zu halten, hat es die Volksbühne nie fehlen lassen.

„Faust“ passt natürlich auch gut zum Alterswerk Castorfs: Begonnen hat er die Volksbühnen-Intendanz mit Schillers Sturm-und-Drang-Kraftmeierei „Die Räuber“. Jetzt beendet er sie, kleiner Selbstkommentar, mit dem vom Sturm-und-Drang-Rabauken zum Klassiker gereiften Goethe. Einen Dercon-Bezug gibt es übrigens auch: Als Dercon vom „SZ-Magazin“ gefragt wurde, wie oft er den „Faust“ gelesen habe, lautete seine Antwort, stolz auf die ­eigene Ignoranz: „Null“.

Castorfs „Faust“ ist die letzte große Volksbühnen-Premiere. Derzeit hat die Volksbühne 21 Stücke im Repertoire, von Herbert Fritschs „der die mann“ bis zu Castorfs „Brüder Karamasow“. Man kann sie nur noch in dieser Spielzeit sehen. Keine dieser Inszenierungen wird Dercons „volksbühne“ übernehmen, schon weil die Schauspieler aus Gründen der Selbstachtung nicht für Dercon arbeiten wollen. Nach der „Faust“-Premiere kommen in den nächsten Monaten viele Dernièren.

Volksbühne Fr 3.3., Fr 10.3., 18 Uhr, So 5., So 12.3., 16 Uhr, Eintritt 12 – 40, erm. 6 – 20 € (Restkarten nach Verfügbarkeit an der AK)

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