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Lia Rodrigues zeigt mit „Pindoramae“ Brasiliens dunkle Seite

Pindorama_c_SammiLandweer… weiß nicht, wie sich diese riesigen Flussauen in Wüsten verwandeln. Erosion ist für das, was bleibt, ein zu liebliches Wort. Hier leidet nicht etwa Natur, sie folgt nur ihrem Gesetz. Das Opfer in diesem Jammertal ist der Mensch. Und wo Opfer sind, ist auch Gewalt. Lia Rodrigues, die bekannteste Choreografin Brasiliens, gießt diese Gewalt in ihrem neuen Stück in einen ungeheuren Opfertanz. Eine Tänzerin, nackt, wehrlos, im Todeskampf, scheint zu ertrinken. Die Wucht eines Stroms, vielleicht ist es der Amazonas, wird vorgeführt. Es braucht nichts als eine Plastikplane, die das Ensemble in Wellen schüttelt wie ein übergroßes Tischtuch. Genau dieses einfache Mittel aber schärft den Kontrast. Das echte Mädchen, der echte Körper, die echte Wut, Erschöpfung, Kraft und diese rhythmisch geschüttelte Plane schaukeln sich gegenseitig auf. Stark und gewaltig ist das.

Lia Rodrigues ist eine erfahrene Theaterzauberin, seit mindestens 15 Jahren auf den Bühnen der Welt zu Hause, die Gründerin einer choreografischen Schule mitten in der Favela von Marй in Rio de Janeiro, die Leiterin des bedeutendsten Tanzfestivals in Brasilien, Panorama Danca. Nun kommt sie nach Berlin mit dem faszinierenden Finale ihrer Tupн-Indianer-Trilogie. Auf „Pororoca“ und „Piracema“ folgt hier „Pindorama“, dessen Name für ein Land steht, das längst zerstört und verloren ist. Rodrigues verschiebt den Blick, weit weg vom Klimakatastrophischen, hin zum eigentlichen Opfer.

Das durch Gewitter, Wolkenbrüche, Erdrutsche, Flutwellen tanzende Mädchen  wird zu einem elfköpfiges Kollektiv, das buchstäblich seine nackte Haut zu retten versucht. Alle, auch das Publikum, das mit ihnen die Bühne teilt, ereilt dasselbe Ritual eines Untergangs, alle sind denkbare „Frühlingsopfer“, in Anlehnung an Nijinskys berühmtes „Sacre“-Ballett. Was mit Plastikplanen und später auch mit wassergefüllten Ballons wie ein Kinderspiel anmuten mag: Durch ihren mindestens wahnsinnig zu nennenden Tanz geht es bald ebenso buchstäblich auch unter die eigene nackte Haut.

Text: Arnd Wesemann

Foto: Sammi Landweer

Pindoramae HAU2, Mi 4.+Do 5.6., 20.30 Uhr, Karten-Tel. 25 90 04 27

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