Theorie-Pop

Liebesgrüße aus der ­Reflexionsbude

René Polleschs Diskurs über die Serie ignoriert Theaterspielregeln und verarscht qualifiziert  

Foto: LSD/ Lenore Blievernicht
Foto: LSD/ Lenore Blievernicht

René Pollesch hat immer gerne in Serien gearbeitet, schon weil bei ihm jedes neue Stück wie die Fortschreibung des vorherigen wirkt. Seine beiden neuen Stücke, jeweils gut eine Stunde Gedankenhochbeschleunigung, verstehen sich als Auftakt einer Trilogie mit dem schön sperrigen Titel „Diskurs über die Serie und Reflexionsbude (Es beginnt erst bei Drei), die das qualifiziert verarscht werden great again gemacht hat etc. Kurz: Volksbühnen-Diskurs.“
Qualifiziert verarscht zu werden ist natürlich auf jeden Fall besser, als unqualifiziert verarscht zu werden, und wie das geht, muss man Volksbühnen-Virtuosen nicht zweimal sagen. Auch wenn das „great again“-Trump-Zitat misstrauisch machen sollte, kommt gnädigerweise kein Trump auf die Bühne, sondern drei Tramps in knallroter Unterwäsche (Kostüme: Barbara Steiner). Es sind die Herren Milan Peschel, Trystan Pütter und Martin Wuttke, die hier wahlweise drei lustig queer durch den Wilden Westen hüpfende Musikclowns aus dem Film „Three Amigos“ oder verkaterte Las-Vegas-Besucher aus dem Film „Hangover“ geben, wenn sie sich nicht gerade in ihren Alain-Badiou-Lektüren verstolpern.
Das qualifizierte Verarschtwerden besteht in diesem Fall unter anderem darin, mal wieder Theaterspielregeln sauber zu ignorieren – vermutlich, um sie sichtbar zu machen. Also werden munter Textwiederholungsschleifen gedreht oder die Sätze so synchron durcheinandergesprochen, dass man nur noch Diskurs-Bahnhof versteht.
Sehr hübsch ist es, wie dem mit hinreißender Leichtigkeit durch den Abend tänzelnden Wuttke einfach mal die Worte ausgehen. Auch die derzeit unvermeidlichen kleinen Ohrfeigen für den „Chris“ werden eher lässig als verbissen absolviert – so viel Theaterbetriebs-Selbstreferenz muss sein. Von Pollesch vertraut, aber immer wieder eine Freude, sind die Ausfälle gegen die Ideologie der Selbstverwirklichung und das Lob der Entfremdung: Ohne Entfremdung kein Klassenbewusstsein, von Klassenkampf mal ganz zu schweigen. Der Weg aus der Selbstverwirklichung ist hart und steinig, warnen die heiteren Marxisten das Publikum, aber nur er befreit vom falschen Bewusstsein.
Wie um die Vorstellung eines sauberen Selbst zu durchlöchern, fällt den drei Helden plötzlich auf, dass sie die Hosen, den Hintern, den Kopf ihrer Spielkameraden tragen – das Ich als falsch zusammengesetzte Konstruktion.

Volksbühne Mo 7.11., 20 Uhr (Teil 1), Eintritt 20, erm. 15 €; Di, 8.11. + Mi 28.11., 19 Uhr (Teil 1+2), Eintritt 30, erm. 18 €

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