Theater

Liederabend mit Hannah Schygulla

tip Ist „Aus meinem Leben“, Ihr Liederabend in der Bar jeder Vernunft, eine musikalische Autobio­grafie?
Hanna Schygulla Das sind Lieder, die mich seit meiner Kindheit beeindruckt oder beflügelt haben, angefangen von Liedern, die wir auf der Schule gelernt haben, Brahms, Schubert, dann Rockmusik in der Pubertät, Janis Joplin, die Rolling Stones, die Musik der 68er-Revolution. Dann gibt es natürlich auch Brecht, das war für uns der Ersatz für das deutsche Volkslied, das wir nicht abkonnten. Wir waren allergisch gegen alles Deutsche, wir waren ja die Generation nach Hitler. Die Brecht-Songs konnte ich schon damals auswendig. Ich singe, und ich erzähle dazu, was damals in meinem Leben war, was mir die Lieder bedeuten. Ein Lied, das ich singe, ist von Gustav Mahler.

tip Welches Lied von Mahler?
Schygulla Aus den „Kindertotenliedern“, wunderbar.

tip Das ist ein Zyklus zu Gedichten von Friedrich Rückert, Gedichte, in denen Rückert immer wieder über seine Trauer und den Tod seines eigenen Kindes schreibt. Weshalb hat dieses Lied für Sie eine persönliche Bedeutung?
Schygulla Ich habe es kennengelernt, als in der Schule meine Freundin, ein Mädchen aus meiner Klasse, ganz unerwartet gestorben ist. Ihre Eltern hatten eine Schallplatte mit den „Kindertotenliedern“, die sie mir eines Tages vorgespielt haben. Das hat mich damals natürlich sehr berührt. An diesen Moment habe ich mich erinnert, als ich über das Programm für diesen Abend nachgedacht habe.

Hannah_Schygullatip Ist die Bar jeder Vernunft nicht ein bisschen klein für Sie?
Schygulla Warum? Das ist doch ein schöner Ort. Da bin ich mit meinem allerersten Liederabend vor zehn Jahren aufgetreten. Damals wollte ich mich etwas unabhängig machen vom Film. Aber ich mache meine Konzerte sparsam dosiert, nicht 20 nacheinander. Ich mag das nicht, wenn es sich endlos wiederholt. Anzufangen zu singen war auch ein Kindertraum. Wir sind ja mit dem Radio groß geworden, das war die erste Begegnung mit der großen Welt, Lieder aus Latein­amerika, aus den USA.

tip Sie leben seit Anfang der achtziger Jahre in Paris und sind oft in Lateinamerika. Hatten Sie schon als Kind vor dem Radio eine Sehnsucht nach dieser weiten Welt?
Schygulla Ja, schon. Ich wollte raus aus der Enge.

tip Wie wirkt heute dieses enge Deutschland von Paris aus auf Sie?
Schygulla So groß sind die Unterschiede zwischen den Ländern nicht mehr, das verwischt sich. Wenn ich jetzt etwas länger in Berlin bin, will ich mir darüber klar werden, ob ich vielleicht hier leben könnte. Ich spiele mit dem Gedanken, ob ich auf meine alten Tage nach Deutschland zurückgehe, schon wegen der Sprache. Ich habe auch schon über München nachgedacht, obwohl ich dahin eigentlich nie zurückwollte, weil ich da alles zu gut kenne. Inzwischen finde ich es gut, dass ich da alles schon kenne.

tip Ist München für Sie nicht voller Erinnerungen an die Zeit, in der Sie dort mit Rainer Werner Fassbinder erst Theater gespielt und dann Filme gedreht haben?
Schygulla Das ist natürlich total besetzt, auch von meiner Kindheit, von der Studienzeit, von der Fassbinder-Zeit.

tip Nach Fassbinders Tod haben Sie lange kaum noch deutsche Filme gedreht, bis vor zwei Jahren, als Sie in Fatih Akins Film „Auf der anderen Seite“ eine große Rolle hatten. War Ihnen das deutsche Kino zu piefig?
Schygulla So pauschal würde ich das nicht abtun mit dem deutschen Film. Da ist doch wieder ein großes Spektrum da, zum Beispiel mit Leuten wie Christian Petzold oder eben Fatih Akin. Da gibt es wieder einiges, was ich interessant finde. Es gibt jetzt auch wieder ein neues Projekt mit einem Jungfilmer. Der Film von Fatih Akin hatte eigentlich überall, wo er hinkam, eine tiefe Wirkung auf das Publikum.

tip Auf mich auch.
Schygulla Man kann gar nicht genau sagen, woran das liegt, der Film hat eine besondere Ausstrahlung. Ich erinnere mich, wie ich Fatih Akin noch gar nicht kannte und ihn durch Zufall im Fernsehen sah, als er bei der Berlinale für „Gegen die Wand“ den Goldenen Bären bekam. Die Art, wie er sich darüber gefreut hat, hat mich irgendwie auch an den Fassbinder erinnert, so ein junger Wilder. Damals dachte ich, es wäre doch schön, wenn so einer wieder käme, und dann kam natürlich auch der Wunsch hoch, da mit dabei zu sein. Als ich später in Belgrad ein Filmfestival eröffnet habe, sind wir uns begegnet, und da war erste Kontakt eigentlich so, als würden wir uns schon kennen.

tip Hat Fatih Akin Sie in der Arbeitsweise auch an Fassbinder erinnert?
Schygulla Nein, eigentlich nicht, der arbeitet anders.

tip Wie haben Sie Ihr Programm für den Liederabend „Aus meinem Leben“ zusammengestellt? Haben Sie einfach Ihre Lieblingslieder genommen?
Schygulla Ich habe auf einen Zettel geschrieben, was zu verschiedenen Zeiten meines Lebens an Musik hochkam in meiner Erinnerung, was das Lebensgefühl ausgedrückt hat und was mich irgendwie beflügelt hat in der Zeit.

tip Interessieren Sie sich für neue Musik?
Schygulla Meinen Sie jetzt Techno-Musik?

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