Kommentar

„Lies die Fahrpläne“ von Peter Laudenbach

Sage niemand, Lyrik hätte keine praktischen Ratschläge zu bieten. Mein Lieblingsgedicht mit einem sachdienlichen Hinweis ist schon etwas älter, aber immer wieder nützlich

Peter Laudenbach

Es stammt von Hans Magnus Enzensberger und enthält eine klare Aufforderung: „Lies keine Oden, mein Sohn, lies die Fahrpläne: Sie sind genauer.“ Schon klar, woran man da zuerst denkt, zum Beispiel an die Fake-News-Oden diverser Staatsoberhäupter. Aber auch in der kleinen Theaterbranche sorgt die Befolgung dieses Vorschlags für angenehme Klarheit im Kopf und die wohltuende Immunisierung gegen allerlei Sprechblasen. Ein Fahrplan, den aufmerksam zu lesen sich lohnt, ist der Haushaltsentwurf des Landes Berlin für die Jahre 2018/2019, Einzelplan 08, Kultur und Europa. Im Wirtschaftsplan für die Volksbühne sieht man nicht nur, dass die Anzahl der Vorstellungen deutlich sinken wird, sondern auch, wie der Stellenplan sich verändert. Von 3,75 Stellen für Regie und 7 Stellen für Dramaturgie bleiben null Stellen übrig, in Zahlen: 0. Von 27 Stellen im Ensemble bleiben 12 Stellen übrig. Echte Eigenproduktionen werden damit schwer bis unmöglich. So viel zu den Oden, die Volksbühne bleibe ein Ensembletheater. Aufgestockt wird dafür bei der Disposition, im Künstlerischen Betriebsbüro, von 6 auf 13 Stellen. Klar, all die ­Gastspiele müssen organisiert werden. Die anderen Bereiche, die deutlich anwachsen sind, logisch, das Marketing (von 6,75 auf 11,75 Stellen) und die Abteilung der Programm-Kuratoren (von 0 auf 8 Stellen) – irgendwer muss all die Gastspiele ja einkaufen. Soweit die Zahlen aus dem Haushaltsplan. Der Rest sind Oden.

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