Theater

Live Brits Special: Forced Entertainment im HAU

Forced EntertainmentImmer wieder die gleiche alte Geschichte. Von Liebe, Verlassenwerden, Angst und Tod. Eigentlich geht es im Theater ja nie um etwas anderes, mag auch oft noch so viel Aufwand betrieben werden, das zu verstecken. Zu den raffiniertesten Versteck- und Zei­ge­spielern gehört seit 25 Jahren Forced Entertainment, denen das HAU nun mit Live Brits Special ein kleines Festival widmet. Doch so konsequent die Truppe aus Sheffield immer wieder Liebe, Verlassenwerden, Angst und Tod umkreist, so leicht kann man genau das übersehen, weil ihre Art und Weise des Versteckens, ihr Humor, ihre Geschichten, ihr Einfallsreich­tum und ihre Spielfreude so bestechend und charmant sind, dass man nicht immer sieht, was einem sonst noch so untergeschoben wird.

Live Art – auf die der Festivaltitel im HAU anspielt – ist ein Begriff, der vor allem in Großbritannien seit über 20 Jahren gerne verwendet wird, um Theater, Tanz, Performance und Performance Art unter einen Hut zu bringen und auf das zu fokussieren, was diese Künste von anderen unterscheidet: Dass sie sich eben nur live realisieren können, im mit den Zuschauern geteilten Raum, in der mit ihnen geteilten Zeit. Und dass diese Lebendigkeit vor allem dadurch sichtbar wird, dass sie immer gefährdet ist, immer auf der Kippe steht. Das Spezifische am Theater ist nun mal – mit Heiner Müller gesagt – nicht der lebendige Schauspieler auf der Bühne, sondern der möglicherweise sterbende. Wie im richtigen Leben.

Forced EntertainmentUm diese Möglichkeit, um das Mögliche überhaupt geht es in fast allen Arbeiten von Forced Entertainment: Es sind Möglichkeitsräume des Theaters, Spiele, bei denen fast alles passieren kann – aber nichts passieren muss. Kaum eine andere Gruppe hat dieses Feld des Theaters, in dem das Live-Sein immer präsent ist, so gründlich erforscht und thematisiert. So sehr sind Forced Entertainment in den letzten Jahren das Flaggschiff eben­so wie das Expeditionsboot der britischen Live Art gewesen, dass sie heute geradezu synonym für dieses Genre stehen.

Eine Strategie der Live Art, gemeinsam verbrachte Zeit erfahrbar zu machen, sind durational performances, Aufführungen, die nicht nur eine besondere zeitliche Länge haben, sondern deren Thema auch genau diese Länge ist: Sechs Stunden dauert „And on the Thousandth Night …„, ein brillant unterhaltsamer Abend, bei dem pointiertes Pingpong im Wett­bewerb improvisierter Erzählungen ebenso gemeinsam durchlebt wird wie Langsamkeit und Erschöpfung. Man ist gefangen in immer neuen Storys und vergisst dabei: Es geht auch hier immer um Liebe, Verlassenwerden, Angst und Tod. Schließlich ist es die tausendste Nacht – und Scheherazade erzählt noch immer Geschichte nach Geschichte, um ihr Leben zu retten. Im HAU 1 läuft das Stück die halbe Nacht lang, von 19 Uhr bis um 1, Einlass ist jederzeit.

Es sind Geschichten in jenem unverwechselbaren Forced-Entertainment-Sound, der die Truppe berühmt gemacht hat und vor allem durch ihren vielkopierten Spielstil geprägt ist: Ein immer etwas ironisches Rollenspiel, vermeintlich so nah an der eigentlichen Person, dass man die Differenz zwischen Darsteller und Rolle am liebsten ignorieren würde. Es ist ein eindringliches und doch unprätentiöses, meist monologisches Erzählen, aus dem heraus greifbare und doch unkonkrete Figuren entstehen. Unverwechselbar ist der Klang der Stücke aber auch durch die Texte, die Tim Etchells als Autor und Regisseur verfasst: Er hat mit den Jahren eine Sprache entwickelt, die ohne Umstände Märchen- oder Science-Fiction-Elemente mit härtestem Pulp konfrontiert, eine Sprache, die nie realistisch wird und doch immer unverkennbar unsere Realität betrifft.

Forced EnterainmentWie schon in seinen „Endland“-Geschichten, die nun auch auf Deutsch bei Diaphanes als Buch erschienen sind, erzählt Etchells in „Void Story„, das im HAU 2 zu sehen ist, von merkwürdigen Orten außerhalb der Zeit, von einer Flucht durch eine verstörend feindliche Welt, düster, neblig, regnerisch. Durch schreckliche Stadtlandschaften und Tunnel­systeme voll brutaler Kinder, fieser Gangster, durchtriebener Hoteliers, hin­terhältiger Zirkus­ar­tis­ten und melancholischer Gespens­ter. Es ist ein düsterer, schwarzhumoriger und immer doppel­bödiger Foto-Science-Fiction, der wie ein Radiostück präsentiert wird: Die Performer sitzen an Tischen und blättern im Skript, während sie Requisitenklänge imi­tieren, ihre Stimmen an den Mikrofonen für verschiedene Rollen verändern und Soundeffekte einspielen für Schüsse, Regen und schlechte Telefonverbindungen. Es ist ein Theater der minimalen szenischen Mittel mit maximaler Wirkung, das ganze Paralleluniversen imaginiert.
Noch fragmentierter ist der Monolog „Sight is the Sense that Dying People Tend to Lose First“ im HAU 3, den Etchells dem New Yorker Schauspieler Jim Fletcher (kein Mitglied von Forced Enter­tain­ment, sondern Performer unter anderem bei Richard Maxwell und der legendären Wooster Group) auf den Leib geschrieben hat. Dabei benutzt er eine alte Forced-Entertainment-Technik: Ein Satz, eine Frage kann eine ganze Geschichte erzählen.

Exquisite Pain“ im HAU 2 schließlich ist die einzige Inszenierung in den gesamten 25 Jahren, die nicht auf einem eigenen Text von Forced Entertainment beziehungsweise von Tim Etchells basiert. Entstanden ist das Stück in Kooperation mit der französischen Foto-, Film-, Performancekünstlerin Sophie Calle. Es ist die Geschichte einer verlassenen Frau, die immer wieder die Trennung von dem Mann beschreibt, den sie über alles liebt. Wieder und wieder. Tag für Tag notiert sie den Beginn ihres größten Schmerzes. Immer wieder das selbe Bild, das rote Telefon auf dem Hotelbett, immer wieder the same old story. Durch kleine, manchmal kaum merkliche Veränderungen erzählt sie von der Überwindung dieses Leidens. Vom Wiedererwachen des Selbstwertgefühls und des Witzes. Auch hier hat sich Etchells Regie ganz zurückgenommen: Eine szenische Lesung, in deren Reduzierung das Theater zu sich selbst findet: Schließlich erzählt es nicht nur die gleiche alte Geschichte wieder und wieder, sondern versucht vor allem, sie durch das Benennen zu bannen und erträglich zu machen. Denn so schmerzlich diese immergleichen Geschichten von Liebe, Verlassenwerden, Angst und Tod sein mögen, sie sind, wie Sophie Calle gegen Ende schreibt, alle banal. Wie das rote Telefon, auf das sie in der Nacht ihres Verlassenwerdens nicht aufhören kann zu starren.

Text: Florian Malzacher
Fotos: Hugo Glendinning

Live Brits Special: 26.6.-7.7.
And on the Thousandth Night … im HAU 1
Void Story im HAU 2,
Sight is the Sense that Dying People Tend to Lose First im HAU 3,
Exquisite Pain,

Tim Etchells „Endland“, Diaphanes Verlag, 240 Seiten, 19,90 EUR

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