Performance

„Los incontados“ in der Schaubühne

Das Mapa Teatro aus Bogotá verhandelt in „Los incontados“ anspielungsreich das Verhältnis von Festen und Gewalt

Foto: Felipe Camacho

Feste können grausam sein, Familienfeiern ebenso wie religiöse Umzüge oder nationale Militärparaden. In „Los incontados“ zum Beispiel kann man kaum unterscheiden, was noch Freudenböller oder schon Maschinengewehrsalven sind: Da knattern die Konfettikanonen und Luftschlangen durch den Urwald, in dem sich merkwürdige Masken und Figuren tummeln, mehr Unterwelt als realer Dschungel. Unerbittlich dringt er in das spießige Idyll im Vordergrund ein, ein vermufftes 50er-Jahre-Zimmer voller Sessel, Vitrinen und einem alten Radio, aus dem Tanzmusik, Nachrichten und Botschaften dringen.

Das Verhältnis von Festen und Gewalt verhandelt „Los incontados“ (Die Nichterzählten) des kolumbianischen Mapa Teatro bildgewaltig, ohne damit eine eindeutige Geschichte zu erzählen. Das macht den Abend besonders für lateinamerikanische Verhältnisse, wo in der Regel die Handlung wie die Moral der Geschichte ausbuchstabiert werden. Die beiden ersten Teile der Trilogie mit dem Untertitel „Anatomía de la Violencia en Colombia“ („Anatomie der Gewalt in Kolumbien“) – „Los santos inocentes“ („Das Fest der unschuldigen Kinder“, 2010) und „Discurso de un hombre decente“ („Rede eines anständigen Mannes“, 2012) – waren bereits am HAU zu sehen. Teil 3 wird jetzt beim F.I.N.D.-Festival an der Schaubühne gezeigt und geht anschließend nach Hamburg zum Festival Theater der Welt.

Lange war das Image Kolumbiens untrennbar verbunden mit dem Drogenhandel und dem bewaffneten Konflikt zwischen linksgerichteten Guerillatruppen, rechten Paramilitärs und der kolumbianischen Armee, der ungezählte Opfer in der Zivilbevölkerung forderte. Das spiegelt sich auch in den Gewaltausbrüchen in „Los incontados“ wider, in den Übertiteln, die von explodierenden Autobomben und zerfetzten Partygästen berichten, und in den Radio-Einspielungen, in denen der „Guerilla-Pfarrer“ Camilo Torres Restrepo fordert: „Wir müssen den Karneval beenden und jetzt mit der Revolution beginnen.“ Auf der Bühne geht währenddessen die Albtraumparty weiter.

„Dieses Fest ist eine poetische Umsetzung des Versuchs eines Vaters, zusammen mit seinem Kind zu feiern“, sagt Heidi Abderhalden, die zusammen mit ihrem Bruder Rolf Abderhalden den Abend inszeniert hat, aber auch selbst auf der Bühne steht. „Er ist oder war wahrscheinlich Mitglied der Guerilla und kommt für dieses Fest aus seinem Versteck in den Bergen.“ Dieser Guerrillero-Vater tritt als Zauberer auf, lässt Tücher mit Che-Guevara-Porträt und Hammer und Sichel verschwinden – „als Metapher der Guerilla, die sich tarnt, versteckt, Zaubertricks macht, erscheint und verschwindet“, erklärt Abderhalden. Er versucht eine Party anzuschieben, die nicht in die Gänge kommt: „Sie ist wie die Revolution, der Mythos der Revolution in Lateinamerika, um den sich so viele Erwartungen gedreht haben, wie eine angekündigte Party, die nie zustande kam.“
So ergeben sich dichte 70 Minuten voller Anspielungen. Um alle zu verstehen, muss man sich schon gut in kolumbianischer Geschichte auskennen. Aber auch ohne Detailkenntnis lohnt „Los incontados“ – weil der Abend sinnlich und bilderstark von einer Gewaltspirale erzählt, die einem später noch lange im Kopf herumspukt.

Schaubühne 7.4., 20.30 Uhr, 8.4., 18.30 Uhr, 9.4., 18 Uhr, Eintritt 7–33 €

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