Theater

Luc Bondys „König Lear“ bei Spielzeit’europa

Koenig LearWenn Gert Voss als Lear im ersten Akt eine Landkarte in drei Stücke reißt, merkt man, dass das Pergament sorgfältig perforiert wurde, damit die Reichsteilung ordnungsgemäß klappt – und dabei zeigt auch die Regiekunst die feinen Sollbruchstellen des gehobenen Kunstgewerbes. Und wenn Lears jüngste Tochter Cordelia zu Beginn als Sterntalermädchen im weißen Kleid Seilchen hüpft, und zwar immer um die trägerlose Krone herum, die auf einem Samtkissen am Boden liegt, ist das auf keinen Fall ganz kitschfrei. Und doch zugleich höchst symbolisch: Luc Bondy griff mit seiner ausladenden, vierstündigen Inszenierung von Shakespeares „König Lear“, die im Mai 2007 am Wiener Burgtheater Premiere hatte, beherzt nach der Regie-Krone im deutschen Thea­ter.

Bondy, der Leichtfuß, Feingeist und flatterhafte Luftikus des Theaters, der schon so oft mit Theaterstücken hochintelligent Seilchen hüpfte, ist mehr ein ewiger Dauphin des Theater als ein grauer Monarch. Abermals inszenierte er mit dem „König Lear“ gegen sein Image des eleganten Empfindlichkeitsregisseurs an. Nach Martin Crimps Kommentarstück zum Irak-Krieg „Cruel and Tender“ (2004), einer Übermalung von Sophokles’ „Die Trachinierinnen“, und der „Schändung“ (2005) von Botho Strauß – auch dies eine Paraphrase, und zwar auf Koenig LearShakespeares „Titus Andronicus“ – ist er noch tiefer vorgedrungen in die finsters­ten Gebiete der Dramenliteratur. Alle drei Inszenierungen bilden zusammen eine Art Triptychon der Gewalt. Gegen die drastischen Gräuelszenen der „Schändung“, die Bondy auf Französisch inszeniert hat, protestierte das Publikum in Paris aufs Heftigste. Es mochte seinen Bondy gar nicht wiedererkennen.
Dieser benutzt den Generationenkonflikt im „König Lear“ nun auch für eine Bestimmung seines eigenen Standorts. Da bei Bondy biologisches und theaterhistorisches Alter auseinanderklaffen – obwohl mit sechzig Jahren der Jüngste unter den Alten, rechnet man ihn zur Generation Stein und Peymann –, gibt es da noch ein paar offene Rechnungen zu begleichen. So wirkt die Besetzung der Titelrolle („achtzig und drüber“) mit dem ebenfalls zu jungen Voss programmatisch. Voss gibt den Lear denn auch nicht als verkauften Großvater und kreglen Zausel, der leichtfertig sein Zepter verspielt, sondern als schwer nervigen Plagegeist und kindsköpfigen Egomanen, dessen gusseiserner Vitalität man den abrupten Sturz in den Wahnsinn allerdings nicht recht glauben mag. Man schaut doch mehr dem Voss aufs virtuose Maul als seinem Lear in die Seele, wenn er als sein eigenes Schlossgespenst im wallenden weißen Rüschen-Nachthemd über die Heide spukt. Außen hui, innen buh.

Hinreißend ist Birgit Minichmayr als sein närrischer Sidekick. Im knackengen Hochwasseranzug eines Jerry Lewis’ spielt sie den sturzfrechen Fratz, einen Kobold mit elastischen Gummibeinen. Lears „Söhnchen“ ist das, aber auch sein kleiner Mann im Ohr, sein Dämon, der ihm den Wahn einflüstert und die große Windmaschine auf der Bühne bedient, die Lears Denken genauso durcheinanderwirbelt wie das Laub auf der Bühne. Dieser Narr ist mehr ein Traumgeschöpf als ein Mensch aus Fleisch und Blut; wie ein Stalker folgt er seinem Opfer auf Luc Bondydem Fuße, eine Zecke, die sich festgebissen und zuletzt einfach von einem Bühnenarbeiter weggeräumt wird wie ein Kulissenteil. Hier gelingt Bondy das, was seine großen Inszenierungen auszeichnet, eine szenische Semiotik von schwerelosem Zauber.
Doch im Krieg, den Bondy gegen seinen Ruf als Spezialist fürs Duftige und Feinstoffliche führt, muss er auch Niederlagen hinnehmen. Tonnenschwer sind einige der Bühnenzeichen, und das großräumige Aufmarschtheater mit Heerscharen von Statisten ist wirklich nicht seine Sache. In den Haupt- und Staatsaktionen des Stücks feiert die Umstandskrämerei der Prozeduralregie alter Schule fatale Urständ. Kurze Genieblitze erhellen viel matte Routine vor den bedrohlich vorrückenden Geschlechtertürmen а la de Chirico von Richard Peduzzis Bühne, die mit einem gewaltigen Fuhrpark an Bühnenmaschinerie doch nur einen etwas abgelatschten „magischen Realismus“ bedient. Dazu gibt es eher halbherzige Gegenwartsverweise. Bondys „Lear“ ist in seinen schwächeren Momenten das Stück eines Tüchtigen, ohne das Glück des Süchtigen.

Rühmenswert sind Andrea Clausen und Caroline Peters als Regan und Goneril, starke Frauen an der Seite schwacher Männer, und Christian Nickel, der als Bösewicht mit dem sirrenden Florett seiner Darstellungskunst so feine Schnitte setzt, dass sein Edmund wie ein Zirkuskünstler nur zu pusten braucht, damit die Opfer seines Zerstörungswerks in all ihre Einzelteile zerfallen. Bondy möchte jede Figur zu ihrem Recht kommen lassen und verweigert einfache Auskünfte. Im Sinne einer untersuchenden Moral entlastet er einen nicht von einer Komplexität, die wir in aller inneren Kurzatmigkeit immer schwerer ertragen könne. Und weil dieser kapitale Schauspielschinken mit glänzenden Schauspielern gespickt ist und mit dem ganzen Arsenal der Theatermittel Nuance und Detail des Dramas bis zur letzten Patrone und Minute verteidigt, trifft Luc Bondy mit seinem „König Lear“ trotz einiger Leerschüsse ins schwarze Herz des Stücks.

Text: Christopher Schmidt
Foto: Ruth Walz, Andrea Stappert

König Lear
Haus der Berliner Festspiele, Schaper-straße 24, Wilmersdorf, 29., 31.1., 19 Uhr, 1.2., 16 Uhr
Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets

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