Theater

Luk Percevals „Anatol“ an der Schaubühne

Anatol-0791_by_Matthias_HornAch, diese Großstadtneurotiker! Haben nichts Wichtigeres zu tun, als sich von einer Affäre in die andere zu stürzen. Sind Meis­ter der Augenblicksintensität, versagen aber erbärmlich auf der Langstrecke. Verlangen ausschließliche Hingabe und basteln längst selbst an der nächsten Episode. Sehnen sich nach dem Ende der Suche und tun doch alles, um eben dies zu unterlaufen.

Jahrzehnte vor Woody Allen hat der Freud-Zeitgenosse Arthur Schnitzler das Psychogramm des liebessüchtigen Dilettanten der Liebe skizziert: „Anatol“ spielt im Wien von 1893, könnte sich aber ebenso gut im New York der 70er oder im Berlin der Gegenwart zutragen. In sieben Szenen fürchtet Anatol die Untreue Coras, wird verspottet von Gabriele, verklärt die Erinnerung an Bianca, macht Schluss mit Annie, wird vertröstet von Else und schläft mit Ilona, obwohl er am nächsten Tag eine andere heiratet – um das Scheitern zuvor und danach genüsslich mit Busenfreund Max zu bequatschen.

Bei Luk Perceval an der Schaubühne ist Schnitzlers weinerlicher Schürzenjäger eine Frau. Diese Regieentscheidung ist weit weniger provokant, als sie klingt, da schon bei Schnitzler die Frauen den Männern in Sachen Liebesverschleiß um nichts nachstehen. Zu Klavierauszugstakten von Puccinis „La Bohиme“ spaziert also Jule Böwe als blasierte Jägerin durch einen Wald aus silbernen Lametta-Lianen (Bühne: Katrin Brack), hinter denen die Anzugträger wie Beutetiere auftauchen und wieder verschwinden: Bruno Cathomas eher im Wildschwein-, Andrй Szymanski im Fuchsformat. Sieben Frauenrollen verteilen sich platzsparend auf zwei Kerle: Der eine übernimmt flennend und schwitzend die Snobs, der andere deutet als Äquivalent zum süßen Vorstadt-Mädel den hübschen Proll-Tarzan an. Und Thomas Badings Max schlurft als schmunzelnde Eule hinterher.

„So wie ich zwei oder drei Bücher zugleich lesen muss, müssen diese Weiber zwei oder drei Liebschaften haben“, beschwert sich Schnitzlers Anatol und treibt’s genauso. Wenn Jule Böwe noch gelangweilt mit dem Exgeliebten streitet, öffnet Szymanski ihr schon den Reißverschluss, beim Tanz quetschen die Herren die Dame ungemütlich in ihre Mitte, und am Ende, als es ans Heiraten geht, stehen sie zu dritt vor dem imaginären Traualtar. Mit dünnen Stimmen singen sie Puccini-Arien, Szymanski macht ein paar halbherzige Balletthüpfer. Wo bro­deln­de Leidenschaft behauptet wird, sind diese drei allenfalls traurige Dilettanten. Maximal unfroh: Jule Böwes Nihilistin der Gefühle.
Was läuft da eigentlich schief? Perceval spart sich Erklärungen, will nur den tristen Leerlauf der Liebesmühen vorführen. Doch die Katze beißt sich 70 Minuten lang in den Schwanz: Dieses Theater ist matter und müder als das süße, bittere Nichts, das es darstellt.

Text: Eva Behrendt

Foto: Matthias Horn

Uninteressant

Anatol Schaubühne, Kurfürstendamm 153, Wilmersdorf, Di 25., Mi 26.11., Mi 3.12., 20 Uhr
Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets

Weitere Rezensionen:

Thomas Bernhards „Ritter, Dene, Voss“ in den Kammerspielen,

Rocky Horror Show im Admiralspalast

Rosa am Grips Theater

Frank Castorfs „Kean“-Inszenierung

Mehr über Cookies erfahren