• Kultur
  • Theater
  • Luk Percevals „Jeder stirbt für sich allein“ beim 50. Theatertreffen

Theater

Luk Percevals „Jeder stirbt für sich allein“ beim 50. Theatertreffen

Jeder_stirbt_fuer_sich_alleinAnständigkeit ist kein cooler Begriff. Dabei verdient sie durchaus eine Renaissance. Aber wie macht man das, anständig sein? Dieses unmodische Moral-Terrain sondiert Luk Perceval am Hamburger Thalia Theater mit seiner Bühnenadaption von Hans Falladas „Jeder stirbt für sich allein“. Der 1946 kurz vor Falladas Tod erschienene Episodenroman über deutsche Normalbürger, die in ihrem privaten Umfeld dem NS-Gleichschaltungsterror nicht nur ablehnend gegenüberstanden, sondern versuchten, auch bei Gefahr für das eigene Leben, anständig zu bleiben oder sich widerständig zu zeigen, mag bei der Lektüre noch wie ein historisches Lehrstück mit hohem Rühr-Potenzial wirken. Aber Perceval gelingt mit seiner Nacherzählung der wesentlichen Geschichten dieses 700-Seiten-Buchs eine überaus klare Skizze von Gewissensfragen.

Vor einem gigantischen schwarzen Vertikalprospekt aus Alltagsgegenständen von Annette Kurz, das ein lückenhaftes Stadtrelief eines verbrannten Berlins ergibt, verzichtet Perceval auf die eher problematische Direkt-Aktualisierung der zahlreichen Figuren, die Ilse Vandenbussche dann auch konsequent in 30er-Jahre-Mode kleidet. Überzeugt von ihrer ewigen Gültigkeit konzen­triert Perceval sich vielmehr auf die historisch verbürgten Konflikte zwischen Opportunismus, Schwäche und Denunziantentum auf der einen Seite und Aufrichtigkeit, Mitgefühl und Haltung auf der anderen. Diese Konfliktlinie verläuft natürlich nicht nur zwischen unterschiedlichen Charakteren, sondern auch mitten durch sie hindurch. Und das trennt Perceval durch Spielweisen. Den Schergen und Profiteuren des Regimes entzieht er den Respekt durch Überzeichnung und Farce. Die Gewissensprüfungen unter Lebensgefahr aber ergründet das in seiner ganzen Vielseitigkeit gefragte Ensemble des Thalia-Theaters mit einem großen realistischen Ernst.

Natürlich sind diese ergreifenden Märty­rer-Geschichten gebunden an einen historischen Kontext und damit auch keine Eins-zu-eins-Belehrung für die Gegenwart. Aber die unmittelbare Bedrohung, die Menschen dazu zwingt, sich zwischen persönlicher Integrität und Verrat zu entscheiden, ist durchaus universell auch in schwächeren Graden. Um diese Szenarien in ihrer unterschiedlichen Gefahr und Gewalttätigkeit so darzustellen, dass sich weder Rührkitsch noch Ironie einschleichen, das gelingt im deutschen Theater dann doch so selten, dass man diese Viereinhalb-Stunden-Inszenierung wie ein anständiges Erweckungserlebnis erfahren kann. 

Text: Till Briegleb
Foto: Krafft Angerer


Jeder stirbt für sich allein

Haus der Berliner Festspiele,  
Mo 6., Di 7.5., 19 Uhr, Karten-Tel. 254 89 100

 

Mehr:

Im Gespräch mit der Leiterin des Theatertreffens, Yvonne Büdenhölzer

Übersichtsseite Theater und Bühne

 

Mehr über Cookies erfahren