Kommentar

„Macbeth im Oval Office“ von Peter Laudenbach

In einem Interview mit der „New York Times“ hat Barack Obama ­wenige Tage vor dem Ende seiner Amtszeit verraten, welche Bücher er im Weißen Haus an langen Winter­abenden gelesen hat

Peter Laudenbach

Einer seiner All-time-Favorites ist (wie bei jedem zurechnungsfähigen Leser) William Shakespeare, genauer: Shakespeares Tragödien. Sie haben, gesteht Obama, sein „Verständnis davon, wie sich ­bestimmte Muster zwischen Menschen immer wiederholen, grundlegend geprägt“. Das ist einerseits nur ­logisch, schließlich kann man bei Shakespeare sehen, wie die Kämpfe um politische Herrschaft funktionieren, wie sie die Beteiligten in Mord- und Machträusche stürzen, – und was die Macht und die Angst davor, sie zu verlieren, mit den Mächtigen macht. Offenbar hat sich an einigen grundlegenden ­Mechanismen wenig geändert. Die US-Serie „House of Cards“, deren Drehbuchautoren Shakespeare gut gelesen haben, führt lustvoll vor, wie ein realpolitischer Zyniker auf dem Weg zur US-Prädentschaft ähnlich intelligent, energisch und rücksichtslos vorgeht wie die Herren Macbeth oder Richard III. Überraschend ist ­Obamas Shakespeare-Lektüre trotzdem: Der bekennende Optimist und Menschenfreund findet in Shakespeares Tragödien-Gemetzeln, in denen Mord immer noch der schnellste Weg zum Thron ist, die geradezu nihilistische Widerlegung seiner Aufklärungs-Emphase. Durch Obamas Nachfolger werden Shakespeares monströse Herrscher, die blutigen Narren der Macht, die in ihrem Aufstieg ihre Regeln selber machen, wieder zu Zeitgenossen.

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