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MaerzMusik – Festival für Neue Musik 2013 in Berlin

MaerzMusik_EnsemblePhaceCrossover war gestern und ist bäh! Cross­culture nennt man es heute und spielt es in den dunklen Club-Refugien des Berghain. In der Neue-Musik-Szene gilt der Drang zu hip-verranzten Club-Lokalitäten als Gebot der Stunde. Wo hintenrum gefummelt wird, tummelt sich vorne herum MaerzMusik. Im zehnten Jahr seines Bestehens richtet das größte Neue-Musik-Festival der Stadt daher seine Sonic Arts Lounge gleich dreimal im Berghain aus, dem tanzbarsten Touristen-Bums der Hauptstadt (jeweils um 22 Uhr). Der hat sonst unter der Woche eh zu.

Unübersichtlichkeit
Hübsch unsystematisch ist die Musik, schön finster die Räume. Das Problem ist, dass die Fülle von Namen bei der MaerzMusik inzwischen so groß und unübersichtlich geworden ist, dass sich kaum noch jemand auskennt. Man muss blind kaufen.
Vielleicht gut so. Wer nicht akademisch vorgebildet ist, für den sind die Ähnlichkeiten zwischen Beat Furrer (19.3., 19 Uhr im Kammermusiksaal) und Tarek Atoui (22.3., 22 Uhr im Haus der Festspiele) ohnehin größer als die Unterschiede. Um nicht in die berüchtigte Melodienfalle zu tappen, pumpen heutige Komponisten ihre Tonwolken am liebsten durch rhythmisch undefinierbare Klangröhren-Systeme. Die ähneln einander stark.

Also hangelt man sich als Besucher anhand bekannter Namen durch den zehntägigen Konzert-Rush. Zelebritäten wie Brian Ferneyhough (persönlich da am 21.3., 19.30 Uhr, Konzerthaus) oder Lucia ­Ronchetti („Helicopters and Butterflies“ nach Dostojewskis „Spieler“, 17.3., 16 Uhr im Radialsystem) sind nicht umsonst so gleichmäßig wie Prilblumen über das Programm verteilt. Als Orientierungshilfen. Das ist nett und ermöglicht die Wiederbegegnung mit Großmeistern der Überforderung: Ferneyhough etwa benötigt für seinen Symphonischen Torso „Firecycle Beta“ gleich fünf Dirigenten auf einen Schlag. (Hat aber auch drei Jahre daran komponiert.)

Dass es immer noch dermaßen viele In­stallationen und Live-Performances gibt – etwa Charlotte Hugs „Slipway to Galaxies“ (22.3., 18 Uhr im Haus der Festspiele) –, zeigt, wie wenig Zeit vergangen ist in der Neuen Musik. Dies waren schließlich schon in den 60er- und 70er-Jahren die Mode-Errungenschaften der Stunde. Ist die Avantgarde nicht älter geworden?! Oder bildet man sich nur ein, mit bemoosten Konzepten die Speerspitze der Zukunftsmusik zu sein?

MaerzMusik_SpeakPercussionWeites Feld
In den zehn Jahren ihres Bestehens hat die MaerzMusik manch kleine Tabu-Verletzung hingekriegt. Meist durch die muntere Losung „Anything goes“. So wandte man sich mit Michael Nyman und Philip Glass dem verachteten Mainstream wieder zu. Und zeigte, wie gering die Unterschiede geworden sind zwischen spröden Revoluzzern und aalglattem Großverdienertum.
Ein neues Feld will man jetzt mit türkischen Komponisten wie Füsun Köksal, Taylan Cihan und Taner Akyol eröffnen. Das Gastspiel des musikalischen Roadmovies „Hasretim“ bezieht Videodokumente anatolischer Volksmusiker ein und wurde vor zwei Jahren in Hellerau uraufgeführt. Ein bisschen mehr Basar kann gewiss nie schaden.
Als Zentrum begreift man Steve Reichs Multimedia-Oratorium „The Cave“ (22.3., 19.30 Uhr im Haus der Festspiele). Und mehr noch Chico Mellos ironische Stimmungstudie „Pills or Serenades“ (Uraufführung am 16.3., 20 Uhr, Haus der Festspiele). Sie will auf die Frage eine Antwort geben, welche Musik wir uns zu welchen Stimmungen aussuchen. Michael Jarrells Monodram „Kassandra“ nach der Erzählung von Christa Wolf stellt dagegen eher ein populäres, alle verbindendes Gustostückchen dar (17.3., 20 Uhr, Radialsystem).

Slagwerk_den_haagMan bringt es auf immerhin 21 Ur- und Erstaufführungen. Ein reiches Festival also! Man lernt, wie sich zwischen Avantgarde und Tradition die Verhältnisse umgekehrt haben. Auf die Frage, warum er nicht mehr Jazz mache, sondern fast nur noch Neue Musik, antwortete der britische Komponist Mark-Anthony Turnage vor einiger Zeit ehrlich: „Weil ich vom Jazz nicht leben kann.“ Der Vorzeigebetrieb Avantgarde gehört heute zum gut gebutterten Establishment, so dunkel auch die Keller sein mögen, in denen die MaerzMusik wirkt. Immerhin: Gut angelegtes Geld, kann man sagen. 

Text: Kai Luehrs-Kaiser

Foto: Oliver Topf, Jeff Busby, Lutske Veenstra

Maerzmusik
Fr 15.3.–So 24.3.,
Haus der Berliner Festspiele, Berghain, Radialsystem u. a.,
Karten-Tel. 25 48 92 30,
www.berlinerfestspiele.de

 

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